WWW.HAPPYMOUNTAIN.DE

Mein Leben I.


Before I sink into the big sleep
I want to hear
I want to hear
The scream of the butterfly
- By Jim Morrison / the DOORS

oder

Lost in a Roman
wilderness of pain
and all the children are insane
- by Jim Morrison / DOORS

Meine Kindheit und Jugend

Seit 1950 existiere ich auf diesem blauen Planeten, der auch den schönen Namen Erde trägt. Ich glaub es war weit nach Mitternacht. Ob es in dieser Nacht blitzte und donnerte - keine Ahnung. Ob ich mir der Geburt bewusst war - keine Ahnung. Geboren wurde ich am 27. Juni in einer kleinen unbedeutenden Ortschaft am Rande des Erzgebirges in Sachsen. Das war im ehemaligen Ossitanien, auch DDR genannt. Die Hebamme des Ortes brachte mich zu Hause auf die Welt wie ich erst viel später erfuhr. Auf dem Küchentisch meines Großvaters. Manche wiederum behaupten, dass es nicht auf diesem Möbelstück passiert sei, glaube ich noch heute daran, obwohl es auch nicht bestätigt. Was auch immer, denn es ist eigentlich nicht relevant. Als Kind hatte man mir immer erklärt, dass mich der Klapperstorch gebracht hat. Aber das gehört zu dem Teil der Evolutionsgeschichte, wo Erwachsene aus persönlicher Betroffenheit und Scham nicht über das Ficken sprechen wollen und dann ihren Kindern so eine Scheiße erzählen. Ja, so ist das. Vor Geilheit keuchend und stöhnend, wie Millionen anderer Frauen und Männer, Frauen und Frauen, Männer und Männer auch, schämen sie sich in diesem Moment vor der Handlung der Wollust und bei denen es körperlich passt vor dem neuen Leben.

Meine Kindheit verlief eigentlich ziemlich normal, obwohl ich heute rückblickend viele Abweichungen von der Normalität feststelle. An was ich mich schon in diesen ersten Lebensjahren erinnern kann ist, dass ich schon immer einen sehr großen Freiheitsdrang mein Eigen nannte. Ich war immer auf Achse, und meistens nie da, wo mich meine Mutter, Vater war ja tagsüber malochen, vermutete. Meine Eltern bestanden aus Vater und Mutter. Also auch nichts Besonderes. Mein Vater, ein gebürtiger Dresdner war nach der mittleren Reife - Adolf regierte schon im Deutschen Reich mit seinen braunen und schwarzen Kohorten - sofort auf eine Offiziersschule gekommen. Diese verließ er als Unteroffizier und übernahm danach eine Panzereinheit in Polen und Russland. Schwer verletzt durch mehrere Granatsplitter und Gewehrkugeln, wobei ihm russische Scharfschützen zweieinhalb Finger abgeschossen hatten, kam er in ein Lazarett und lernte dort die Schwester meiner Mutter kennen. Elfriede, die in diesem "Hospital" (nicht zu vergleichen mit heutigem Standard!) als Krankenschwester fungierte, hatte es meinem Erzeuger angetan. Aber Schwester Elfriede war schon besetzt von Kurt, einem schnittigen Kerl der deutschen Luftwaffe. Doch Lazarettschwester Elfriede stammte aus einer großen Familie. Sie hatte noch eine Schwester, drei Brüder und eine Pflegeschwester. Die Schwester war meine spätere Mutter, die Vater Wolfgang 1949 ehelichte. Meine Mutter war, wie schon geschrieben, eines von vielen Kindern eines Dachdeckermeisters mit eigenem Geschäft und seiner Gattin, einer Geschäfts- und Hausfrau.

An was ich mich noch sehr stark erinnern kann war, dass ich schon immer ein eigenwilliges Kind mit eigenen Ideen zur Gestaltung der Zeit und Gesetze des elterlichen Haushaltes war. Ich liebte schon als Kind die geheimnisvollen Dachböden, die Lagerschuppen mit ihren faszinierenden Gerüchen aus Dachpappe, Teer und Mystik. Hier lebte ich MEIN Leben im Reiche der Zauberer, Gnome und Feen. Hier kämpfte ich gigantische Schlachten gegen einäugige Riesen und verwachsene Gestalten in verborgenen Welten. Dazu gehörte dann noch die Speisekammer mit ihren unzähligen wohlschmeckenden Geheimnissen in Dosen, Gläsern und bunten Schachteln. Es war eine Welt der Sinne, der Freude und des Müßiggangs.

Mit meinem Großvater Franz, dem Dachdeckermeister, verbrachte ich viel Zeit. Wenn nicht sogar die meiste. Dazu gehörte dann noch sein Sohn und Bruder meiner Mutter Helmut und dessen ältesten Sohn Günter. So oft als möglich begleitete ich die drei bei ihrer Arbeit. Ich hatte auf vielen Dächern meines Geburtsortes gesessen. Als Dreijähriger schnallte mich mein Opa auf dem Kirchturm unseres Ortes an, und ich genoss aus luftiger Höhe die geile Aussicht. Den Pfarrer, der das mitbekam, traf fast der Schlag als er den kleinen Dreikäsehoch knapp unter dem Wetterhahn oder dem Kruzifix auf der Turmkuppel fröhlich quicken hörte. Vielleicht hatte er in diesem Moment sogar ein Stoßgebet zum HERRN gesprochen, denn ich hatte von diesem Tage an einen Schutzengel, der auch noch heute mein ständiger und unsichtbarer Begleiter zu sein scheint.

Einmal rutschte ich ca. 4 - 5 Meter von einem Schrägdach eines Holzwerkes ab. Knallte aus zwei Metern auf ein Flachdach, durchschlug dabei ein Dachfenster und schlug dann ca. 4 Meter tiefer zwischen zwei Fahrrädern auf dem Zementfußboden der Lagerhalle auf. Ein Geschrei, ein Gebrüll. Alles was Beine hatte bewegte sich auf mich zu. Ich kann mich schwach erinnern, dass sogar der Hofhund mit ein Auge auf das Geschehen geworfen hatte. Etwas wackelig und verstaubt kroch ich unter den Fahrrädern hervor, die über mir zusammengefallen waren. Alle rissen die Augen auf, als sie mich wieder vor sich stehen sahen. Ich hatte nichts! Keinen Kratzer, keine Schramme. Zumindest für alle nicht in diesem Moment. Erst als ich fast vierzehn war, wurde bei einer Schuluntersuchung festgestellt, dass ich mir bei diesem Unfall eine Rippe auf der rechten Seite des Brustkörpers gebrochen hatte. Aber ich hatte nie Schmerzen, auch keine Verfärbung der Haut. NICHTS! Erinnern kann ich mich noch, dass einer der Arbeiter von meinem Opa Geld haben wollte, weil sein Fahrrad bei dem "Unfall" etwas verbogen wurde. Mein Opa diskutierte nicht lange herum und bezahlte die Forderung mit einem gewaltigen Hieb seiner Dachdeckerfaust an den Kopf des armen Schluckers. "Mein Enkel verreckt fast und du denkst in diesem Moment nur an deinen Drahtesel. Mach dich vom Hof, sonst kommt die andere Faust auch noch geflogen!!", höre ich heute noch die Worte meines Opas. Ja ja, der Dachdeckermeister Franz R.; von dem habe ich einen Batzen seines Jähzornes geerbt. Opa war ein gerechter Kerl, aber wehe man versuchte ihn zu verarschen. Davon könnten einige Vertrete wahre Geschichten erzählen, würden sie heute noch unter den Lebenden weilen.

Meine sonstige Zeit verbrachte ich bei Landwirten in der Nachbarschaft, zusammen mit ein paar Freunden aus dem Ort. Und es gab ja so wahnsinnig viel zu entdecken und durchforsten. Es war ein tierisch geiles Leben, würde man heute sagen.

1955 wurde dann mein Bruder geboren. Meine Mutter hatte ihn, im Gegensatz zu mir, im Krankenhaus zur Welt gebracht. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als sie mit dem kleinen Schreipaket nach Hause kam. Er war der Mittelpunkt des Hauses. Er schrie, man rannte. Er brüllte, man galoppierte. Vielleicht war das auch der ausschlaggebende Punkt dafür, dass ich mit der Zeit so eine Art Hassliebe zu ihm entwickelte, die sehr, sehr lange ein Teil unserer Beziehung war. Und vor allem konnte G. überhaupt nichts dafür. Bei mir war das auch nicht anders. Wie halt bei jedem Neuankömmling, der in eine Familie rein geboren wird. Heute ist das für mich nichts Außergewöhnliches. Aber damals? Mein Gott, was ging da eine Welt in Trümmer. Ich wurde immer "wilder" und man suchte mich den ganzen Tag irgendwo im Anwesen, im Ort.

Zu jener Zeit lernte ich auch eine neue Spielgefährtin kennen. Sie hieß Monika und war die Tochter des Installateurs, der neben uns im Nachbarhaus wohnte. Monika war das erste weibliche Wesen, das ich so richtig gern hatte. Sie war meine Vertraute, meine Spielgefährtin, ein Teil meiner selbst. Mit ihr war ich ein Herz und eine Seele; heute behaupte ich sogar, dass sie mein "Familienersatz" wurde. Beide kamen wir auch dahinter, dass der Herr oder wer auch immer es so bestimmt hatte, dass nicht jeder menschliche Körper von der Beschaffenheit her wie der andere ist. Obwohl es in diesem Alter nur ein Unterschied war. Es war faszinierend für uns, diesen anderen Teil des Körpers näher unter die Lupe zu nehmen. Wir sahen uns gegenseitig beim Pissen zu und ich durfte sie auch da unten berühren. Das war alles etwas, das uns schon zu jener Zeit unheimlich gefiel. Monika fand es gar nicht so cool, dass ich etwas hatte, das sie nicht besaß und das man auch noch in die Hand nehmen konnte. Monika traf ich dann viele Jahre später wieder, als wir zu Besuch waren. Ich war inzwischen 16 und sie im gleichen Alter. Wir sprachen auch über diese alten Zeiten und hatten einen tierischen Spaß miteinander. Nur ließ sie mich nicht mehr unter ihr Höschen greifen. Das fand ich wiederum nicht so cool.

Nun gut, eines Tages wurden wir von meinem Vater erwischt, als ich gerade ihr Teil näher mit meiner Hand erforschen wollte. Er kam nicht dazu, sondern er beobachtete uns. Es war im Leiterschuppen meines Opas. Der Leiterschuppen war an die Rückseite des Materialschuppens angebaut, war ca. 10 - 12 m lang und beherbergte die langen Leitern, die die Dachdecker zu ihrer Arbeit benötigen. Monika hatte ihr Höschen an den Knien und ich spielte mit ihrem kleinen Kätzchen, als ich plötzlich meinen Vater hinter der Scheibe erblickte, die den Leiterraum vom Schuppen trennte. Er kam nicht herein. Er sagte nichts. War plötzlich wieder wie vom Erdboden verschwunden. Abends in unserer Küche gab es dann eine riesige Tracht Prügel, die ich lange nicht verstand. Ich verstand sie aus dem Grund nicht, weil ich für etwas bestraft wurde, das meine Eltern selbst in ihrem Bett miteinander taten, wenn auch etwas anders und intensiver mit allen möglichen seltsamen Verrenkungen. Mutter schnurrte und Vater grunzte. Lustig war das für die beiden. Und ich habe sie bis heute im Glauben gelassen, der Bub hätte geschlafen. Meistens ja, aber doch nicht immer. Ergebnis war, dass ich noch verschlossener wurde. Aber meine Achtung und Bewunderung des weiblichen Geschlechts habe ich bis heute behalten. Dank Monika, meiner ersten Freundin.

Die Tage schleppten sich dahin. Es wurde Frühling. Sommer. Herbst. Winter. Wie jedes Jahr. Wir hatten im Winter sehr viel Schnee. Im Sommer viele sonnige Tage. Manchmal spazierten wir mit Freunden meiner Eltern durch die nahen Wälder oder marschierten zur Flöha nach Grünhainichen-Borstendorf, wo meine Tante Elfriede, die frühere Lazarettschwester mit ihrem Kurt und Tochter Marion in der Papierfabrik Arbeit und auch Wohnung in einer alten Villa gefunden hatten. Wir badeten in dem damals Kristall klarem Wasser des kleinen Flusses. Ich fand auch schnell Anschluss zu anderen Jungs aus dem Gelände der Fabrik, die mit ihren Eltern oder meistens zu der Zeit mit ihren Geschwistern ebenfalls hier wohnten. Richtig angefreundet hatte ich mich mit einem Rabauken aus dem Nachbarhaus, der auch noch mit der Familie meines Onkels Helmut dem Dachdecker verwand war. Es war geil zu der Zeit und wir wurden richtige Freunde. Auch lange Zeit später noch, wenn ich mal wieder in der alten Heimat zu Besuch war, trafen wir uns.

1957 wurde ich in die Schule unseres Ortes eingeschult. Anfangs hatte ich auf Schule und Stillsitzen keinen Bock. Aber das Erlernen des Schreibens und Lesens faszinierte mich schon bald. Deutsch wurde ab dieser Zeit zu meinem Lieblingsfach. Für Rechnen und viele andere Fächer hatte ich dann lange Jahre nicht viel übrig. Außer malen oder zeichnen, wie man es heute Nennt. Nein, heute sagt man Kunstunterricht dazu.

Irgendwann in der Zeit zwischen 1955 und 1957 besuchte mein Vater dann den protestantischen Kirchentag in Frankfurt am Main. Er und meine Mutter sangen im Kirchenchor unseres Ortes und so musste sich daraus auch die Reise meines Vaters ergeben haben. Zu jener Zeit war das auch noch nicht so kompliziert, da die Grenze zwischen dem Ost- und Westsektor noch nicht geschlossen war.

Im November 1957 gab es dann plötzlich eine allgegenwärtige Spannung und Unruhe bei uns im gesamten Haus. Große Kisten wurden gezimmert und unsere Wohnungseinrichtung darin verstaut. Die Frauen des Hauses liefen den ganzen Tag heulend durch die Gegend. Ich begriff von alldem nichts; nur, dass wir eine Reise antreten wollten. Komisch daran fand ich nur, dass wir sonst bei Reisen in die Stadt oder zu Verwanden in Dresden und Bautzen immer alle recht fröhlich waren.

Im November 1957 siedelten wir dann mit allem was wir hatten und mit staatlicher Genehmigung der Deutschen Demokratischen Republik in das Saarland über, das zu diesen Tagen noch unter französischer Verwaltung stand.

Ich wurde NICHT gefragt, ob ich weg wollte!
Ich wurde NICHT gefragt, ob es mir etwas ausmacht, dass ich Opa, meinen Onkel Helmut und seinen Sohn Günter nicht mehr auf dem Weg zu ihrer Arbeit begleiten durfte.
Ich wurde NICHT gefragt. NIE!

Der November 1957 war der Monat, der mein Leben total veränderte.
Und nicht nur meine Umgebung!...


Meine Kindheit und Jugend im "Westen"

Im Saarland war alles anders, als ich es bisher gewohnt war. Es wurde nicht nur eine "andere" Sprache gesprochen (Anm.: der saarländische Dialekt), sondern die Leute waren auch alle viel hektischer und selbstbewusster als im Osten. In der Schule war ich allgemein nur der Flüchtling, obwohl wir die DDR auf legalem Weg verlassen hatten. Ich wurde zu einem Außenseiter, der als einziger Junge am Anfang neben einem Mädchen sitzen musste und sich in eine Traumwelt zurückzog, die ich mir als Fluchtburg schuf. In der Schule nichts als Stress. Nicht, dass ich nicht mitkam, sondern die Unterrichtsmethode war einfach ganz anders und nicht so auf den Einzelnen eingestellt. Meine Lieblingsfächer waren nach wie vor Deutsch und es kam noch Malen hinzu. Also, alles kreative Fächer. So schrieb ich auch mal einen Aufsatz, der sich über fast vier Schulhefte hinzog. Der Titel ist mir auch heute noch bekannt: Ein Tag im Leben der Mammutjäger in der Steinzeit. Wo andere Mitschüler mit Müh' und Not eine Seite im Heft voll geschrieben hatten, waren es bei mir wie schon erwähnt deren fast vier ganze Hefte. Geschrieben hatte ich den Aufsatz nachts im Bett bei Kerzenschein, weil ich tagsüber meiner Mutter erzählte, dass ich keine Schularbeiten hatte. Der Aufsatz schlug in der Schule ein wie eine Bombe. Er ging an sämtlichen Schulen in der Umgebung rum und wurde sogar meines Wissens an den das Schulamt des Saarlandes geschickt. Mein damaliger Lehrer bekniete meine Eltern, dass sie mich auf die Oberschule schicken sollten. Aber darauf hatte ich keine Lust und wehrte mich mit Händen und Füßen.

Beschissen war in der Zeit auch, dass mein Verhältnis zu meinen Eltern durch das Herausreißen aus meiner Heimat einen tiefen Graben bekommen hatte, der von Tag zu Tag größer wurde. Wir entfernten uns immer weiter voneinander. Die Schwierigkeiten in der Schule wurden immer dramatischer. Jedes mal wenn irgendjemand etwas ausgefressen hatte, hieß es gleich "Gernot, nach vorn!" Meistens endete das immer mit einer Tracht Prügel, wobei der Rohrstock ganz schöne Sprünge auf meinem Arsch vollführte. Ich verstand die Welt ein zweites Mal nicht mehr, denn ich wurde für Dinge bestraft, die ich gar nicht getan hatte oder die für mich selbst nichts Bösartiges darstellten. Mit zwei Jungs aus der Klasse hatte ich mich etwas angefreundet, der eine war ein gewisser H. Keller (???), der am Ende der Holzer Strasse auf der linken Seite wohnte, wo es rechts nach Holz abging. Der andere wohnte ebenfalls in der Holzer Strasse und war der Sohn eines Bäckers mit eigener Bäckerei ebenfalls in der Holzer Strasse, W. Krumm.
Dann lernte ich noch einen Typen kennen, der ebenfalls in der Holzer Strasse, schräg gegenüber von der Bäckerei Krumm wohnte. Er war als schlimmster Rabauke an der gesamten Schule bekannt, hatte weder vor Gott und dem Teufel Angst. Alle hatten "Muffe" vor ihm. Ich glaube er hieß Hans, aber da bin ich mir nicht mehr ganz sicher. Er hatte zwar nicht all zu viel im Kopf, aber dafür umso mehr in den Muskeln. Außerdem hatte er mit 12 schon einen recht ordentlichen Bartwuchs und sah aus wie 20.
Eines Tages, ich stand wieder gebeugt über der ersten Schulbank, der erste Hieb mit dem Stock federte noch nach, riss ich mit dem Mut der Verzweiflung dem Lehrer den Rohrstock aus der Hand und polierte ihm derartig die Fresse damit, dass ihn die Narben bestimmt heute noch manchmal jucken, wenn er noch leben sollte. Es war aber nicht unser Klassenlehrer und auch nicht der Rektor, der uns Rechnen lehrte und die blöde Angewohnheit hatt, mit daumen und Zeigefinger immer in die Backen zu petzen und selbige dann zu drehen. Nein, es war ein Aushilfslehrer, weil unser Lehrer länger krank war oder so ähnlich.
Losgelöst von aller Wut rannte ich wie ein Wahnsinniger aus der Schule, lief von unserem Ort ca. 25 km nach Saarbrücken und versteckte mich in den Parks der Stadt und den nahe liegenden Wäldern. Ich hatte zu dieser Zeit das erste Mal die Schnauze voll von der Ungerechtigkeit in der Welt. Meinen Hunger und Durst stillte ich durch Einbrüche in Gartenlauben ode3r Diebstählen in Geschäften. Irgendwann von einer Bekannten meiner Eltern in Saarbrücken aufgegriffen, zurückgekehrt ins Elternhaus, wurde ich danach der "Held" der Schule und fand relativ guten Anschluss an den "harten Kern" unserer Klasse.

Ich schloss mich zu dieser Zeit auch einer "Straßengang" an, die in unserer Straße beheimatet war und der Schrecken der umliegenden Dörfer und Gemeinden war. Wir nannten uns die "Sießschmier Bande". Im Saarland bezeichnet man mit Sießschmier die Marmelade, und weil es in unserer Straße so viele Gärten hinter den Häusern gab und auch sehr viele Beeren darin wuchsen, wurde halt in der damaligen Zeit noch sehr viele Marmelade gekocht. Aus diesem Grund wurde dann aus der Maria-Theresien-Straße in Heusweiler-Dilsburg die Sießschmier Straße. Um mir in der Bande noch mehr Achtung zu verschaffen, verschenkte ich fast die gesamte wertvolle Briefmarkensammlung meines Vaters an die Führungsjungen der Gang. Ich klaute meinen Eltern dann auch das erste Mal Geld, kaufte vier oder fünf Luftgewehre und wir waren die absoluten Kings der Straßengangs. In guter Erinnerung bleibt mir dabei auch heute noch eine "Schlacht" gegen einen Nachbarort, der uns mit seiner Truppe immer das Leben zur Hölle machte. Wir trommelten alles zusammen was wir mobilisieren konnten. Mit einem gewaltigen "Heer" von fast 100 bis 150 Jungen lockten wir den Nachbarort in einen Hinterhalt und wüteten dann wie Attila mit seinen Hunnen. Wir wurden nie mehr von irgendjemand belästigt. Na ja, außer man ließ sich allein irgendwo blicken, wenn einen die Mutter zum Einkaufen schickte. Dann konnte es schon passieren, dass es als Belohnung noch ein paar Hiebe von Mitgliedern einer anderen Gang gab, wenn sie einen erkannten.

Durch die Diebstähle bei meinen Eltern und das Auflösen der väterlichen Briefmarkensammlung wurde das Verhältnis zu Hause immer angespannter. Meine Eltern hatten eine gewaltige Last mit mir, und sie bekamen mich immer weniger in den Griff. Der Leidtragende war mein Bruder, weil sie bei ihm erzieherisch das verbessern wollten, was an mir falsch gelaufen war. Außerdem hatte sich mit der Zeit ein derartiger Hass auf ihn gesammelt, den ich ihm bei jeder treffenden Gelegenheit spüren ließ. Sorry, Bruder, aber Du kennst die Story; und Du weißt heute auch, wie leid mir der ganze Scheiß auch heute noch tut. Aber zur damaligen Zeit war das echt schlimm und ich weiß es bis heute noch nicht, warum ich so gehandelt habe. Ich habe ihm wehgetan wo ich nur konnte. Habe ihn geschlagen, verspottet, angespuckt. Unerklärlich! Zu mal ich mir immer eine Bezugsperson gesucht hatte, fand ich sie in meinem Bruder nicht.

Eine Freundin hatte ich auch nicht. Nicht mal ein Mädchen, mit welchem ich mich einfach nur verstand. Esa lag aber vielleicht auch daran, dass ich neben einem Girl in der Schule sitzen musste, wofür mich die anderen Kinder oder zumindest ein paar davon öfters hänselten. Mir fehlte jemand wie Monika. Aber die Weiber meiner Klasse waren alle ziemlich hohl oder zumindest hielt ich sie seinerzeit dafür.

Mit 12, Anfang 13 fand ich dann heraus wie ich an die Haushaltskasse meiner Eltern kam. Da die Tür zum Schlafzimmer von innen verschlossen war, und sie den Schlüssel vom Wohnzimmer aus immer mitnahmen wenn sie mal etwas zu erledigen hatten, kam ich eines Tages auf eine Idee.

Mir war es mal wieder zu langweilig zu Hause. Nichts als Ärger. Null Bock auf alles, wie man es heute so treffend formuliert.
Außerdem wollte ich mal wieder eine andere Gegend kennen lernen. Bei der Polizei unseres Ortes war ich inzwischen auch schon Stammgast. Nicht nur wegen kriminellen oder gesetzwidrigen Handlungen (Mundraub, Sachbeschädigungen, Diebstähle), sondern weil sie mich sehr oft als Ausreißer suchen mussten.

Ich kam also, um an das Geld für eine längere Reise zu kommen, auf die Idee, mit Hilfe eines Schraubenziehers und einer Zange, wie ich die Schlafzimmer vom Flur aus öffnen konnte. Ruck zuck war die Schlossverblendung abgeschraubt, den Schlüsselbart mit der Zange herumgedreht und die Tür war offen. Mit ca. 400 DM verschwand ich aus dem Haus, fuhr mit dem Bus nach Saarbrücken an den Hauptbahnhof und besorgte mir eine Fahrkarte nach Hamburg. Hamburg aus dem Grund, weil ich im Fernsehen bei einem Freund einen Film über Hamburg gesehen hatte, der mich wahnsinnig faszinierte. Das Tor zur Welt. Die vielen fremden Schiffe im Hafen. Da wollte ich hin und mit einem Schiff die Weiten des Meeres neu entdecken. Ich kam auch in Hamburg gut an, aber nach ca. einer bis zwei Stunden hatte mich die Polizei aufgegriffen. Ich kam in ein Auffangheim für aufgegriffene Aufreißer und wurde von meinem Vater mit dem Zug wieder abgeholt. Zu Hause gab es dann die Prügel meines Lebens. Mit einer zusammengerollten Wäscheleine aus ein cm dickem Strick schlug mir mein Vater die Seele aus dem Leib. Das war das Ende einer Beziehung, die bisher kaum hundertprozentig stattgefunden hatte. Die Prügel war so gewaltig gewesen, dass mich am nächsten Tag der Lehrer in der Turnstunde zu sich rief und nach der Herkunft der Blutflecken fragte, die sich auf dem Rücken abzeichneten. Von mir erhielt er aber keine Antwort. Aus diesem Grund wurde er dann abends bei meinen Eltern vorstellig. Das Gespräch verlief teilweise ganz schön heftig, wie ich aus meinem Zimmer hören konnte. Die Polizei wurde vom Lehrer auch eingeschaltet. Aber das weiß ich heute nicht mehr so genau.

Zwei Ereignisse gibt es aus diesen Tagen noch zu berichten, die mich auch nachhaltig sehr geprägt haben und zu meiner weiteren Entwicklung beitrugen. Zum einen war es der ca. 20 jährige Bruder eines Schulfreundes, der mich, als ich seinen Bruder besuchen wollte, der aber nicht da war, sexuell befummelte und sich dabei einen abwichste. Das geschah dann noch mehrmals im Laufe eines halben Jahres mit der Androhung, dass er mich töten würde, wenn ich zu irgendjemand darüber sprechen würde. Dies war im Jahre 1961, als ich 11 Jahre alt war. Daran habe ich mich auch bis zu meinem 15. Lebensjahr gehalten, und es erst dann einem Kinderpsychologen erzählt, den ich in einem Kinderheim kennen lernte und der lange, lange Jahre zu einem sehr direkten Vertrauten von mir wurde. Nicht aus Angst habe ich so lange geschwiegen, sondern mehr aus Scham, denn es war mir aus heutiger Sicht verdammt peinlich. Später hatte ich des Öfteren noch Verhältnisse mit Männern, um mir Geld zu verdienen. Aber in den Arsch hat mich bis heute noch keiner gefickt und so soll es auch bleiben. Aber das mit den Männern hat sich von selbst relativ schnell gelöst, seit ich Bekanntschaft mit der Weiblichkeit gemacht hatte.

Die zweite Erfahrung fand in meinem Zimmer in der elterlichen Wohnung statt. Es war auch entscheidend dafür, dass Sex zu meiner Lieblingsbeschäftigung wurde und ich nichts Schöneres als den weiblichen Körper kenne. Sie hieß Doris, war so zwischen 17 und 18 und die Enkeltochter unserer Vermieter. Es war an einem Sommerabend, meine Eltern waren mit ihren Großeltern auf einer Veranstaltung im Ort, ob mein Bruder bei Bekannten war kann ich heute auch nicht mehr sagen. Wir waren zumindest allein im Haus. Ich war 13 und lag in meinem Bett, als plötzlich die Tür aufging und Doris in meinem Zimmer stand. Sie trug einen Bademantel, roch nach Alkohol und Parfum und stand auch nicht mehr ganz sicher auf den Beinen. Sie legte sich wie selbstverständlich zu mir ins Bett und begann mich zu streicheln. Dabei verrutschte ihr Bademantel derartig, dass ich ihre Brust und den dunklen Schatten in ihrem Schoß sehen konnte. Ich lag wie erstarrt und traute mich nicht, mich zu bewegen. Sie fragte mich, ob ich schon einmal eine nackte Frau gesehen und berührt habe. Ich hatte bis dato zwar schon ein paar Bilder von Aktaufnahmen gesehen, aber dies war in diesem Moment die Realität. Ich träumte es nicht, denn ich konnte es sehen, riechen und fühlen, dass da eine lebendige Frau neben mir lag und ihre Hände über meinen Körper gleiten ließ. Sie legte sich entspannt zurück, öffnete den Mantel ganz und lag in ihrer ganzen Schönheit vor mir. Das ist also eine Frau nackt! stellte ich in meinen Gedanken fest und konnte kein Auge von ihrem Körper lassen...

In diesen späten Abendstunden erfuhr ich es zum ersten Mal wie es ist, wenn ein heterosexuelles Paar zusammenkommt. Und ich war so lernbegierig. Und ich war so aufnahmefähig. Und ich war soooooo verliebt in Doris mit den langen schwarzen Haaren, den kleinen runden Brüsten und den vielen dunklen Haaren in ihrem feuchten Schoß. Das war auch der Tag, an dem ich an etwas Gefallen fand, das meine Phantasie genauso anregte wie das Schreiben, das zu einem gewissen Bestandteil meines Lebens wurde. In dieser Nacht passierte auch etwas, das mein ganzes Sein bis heute begleitete: die Achtung und Anbetung der Frauen. Für mich ist eine Frau nicht nur ein Geschöpf, ein Körper, ein Liebchen. Für mich ist die Frau die Vollendung der Schöpfungsgeschichte. Ich liebe den Körper einer Frau über alles in der Welt, denn er strahlt Anmut, Entzücken und Ekstase in mir aus. Gewiss, gewiss, wird es jetzt eine Reihe von so genannten Schlafzimmermachos und Bettegoisten geben, die da gewaltig protestieren und aufschreien, mich einen Verräter der männlichen Grundsätze schimpfen. Aber was wollt ihr eigentlich, ihr Egogesteuerten Schnellficker ohne Phantasie, Gefühl und Achtung vor der Weiblichkeit. Eure Selbstbefriedigung ist nichts anderes, als die Handlung, die ihr an den Frauen ausführt. Wenn es euch EINMAL gelingt, jeden Quadratzentimeter eines weiblichen Körpers zu erforschen, zu erfühlen, zu ertasten und die Schönheit daran zu erkennen und in euch hineinzusaugen, dann habt ihr einen Teil der Evolution verstanden, der da lautet: LIEBE. Seit diesem Tag liebe ich auch da Zungenspiel, in der Fachsprache Cunnilingus genannt. Ich bin bis heute ein Fan davon, eine Frau mit meiner Zunge zu befriedigen und liebe den Geruch, den Geschmack und die Zartheit einer weiblichen Scheide.

Mit Doris gab es diese Art der Begegnung nur einmal, aber sie war der Start zur Verschönerung meines Lebens. Wenn es auch noch einige Zeit dauern sollte, bis etwas Derartiges öfters vorkam.

In dieser Zeit brach ich auch bei einem Arztehepaar ein, welches mit meinen Eltern und meiner Großmutter Frieda befreundet war, und ich klaute deren Sohn, einem Waffenfreund mit Zimmer im Souterrain, eine Pistole P 08 aus dem zweiten Weltkrieg, die er an der Wand hängen hatte. Die P 08 war eine faszinierende und geile Waffe, die mich schon immer interessiert hatte, als ich beim Sohn ab und zu mal im Keller war, wenn wir die Arztfamilie besucht hatten und deren Sohn mir die einzelnen Waffen an der Wand erklärte. Da waren auch noch andere Pistolen und Revolver, aber mir hatte es nur die P 08 angetan, die ab 1930 von der Firma Mauser hergestellt wurde. Sie hatte ein Gewicht von 0,877 kg, eine Länge von 222 mm und ein Kaliber von 9 x 19 mm Parabellum. In Erinnerung ist mir das ganze noch, weil ich eingebrochen war, während ein Stockwerk drüber der Arzt mit seiner Familie und Freunden beim Feiern war, der Sohn mit dem Schäferhund nach Hause kam und der Hund gemerkt haben musste, das da etwas nicht stimmt. Er wollte laufend in den Keller, aber der Sohn ließ ihn nicht, wie ich an den Befehlen dem Hund gegenüber vernehmen konnte. Da ich keine Munition für die Waffe ergattern konnte, habe ich sie dann bald wieder an einen älteren Schulkameraden für einen Stapel Comichefte eingetauscht. Prinz Eisenherz, Fix & Foxi und Walt Disney waren angesagt.

Meine Eltern bekamen mich mit der Zeit kaum noch in den Griff, meine Herumtreiberei wurde immer häufiger und so kam es wie es kommen musste. Ich wurde in ein Kinderheim bei Kaiserslautern eingeliefert, welches von einer amerikanischen Garnison in Kaiserslautern unterstützt wurde. Hier blieb ich nicht lange, denn auch die bekamen mich nicht unter Kontrolle. Erinnern kann ich mich noch an ein kinderloses amerikanisches Ehepaar, mit und bei denen ich mich sau wohl fühlte. Die wollten mich adoptieren und mit nach Amerika nehmen. Aber meine Eltern, die Heimleitung oder wer auch immer dafür verantwortlich zeichnete, gab dazu keine Erlaubnis. So schlitterte ich wieder mal sehr knapp an der "Freiheit" vorbei.

Von dieser Institution kam ich dann in ein heilpädagogisches Kinderheim nach Oberotterbach bei Bad Bergzabern / Rheinland-Pfalz. Hier blieb ich ca. ein Jahr oder etwas länger bis zu meiner Schulentlassung im Jahre 1965. Die Leitung dieses Heimes hatte ein gewisser Diplompsychologe Dr. Friebel aus Speyer. Zu ihm hatte ich nach langer, langer Zeit das erste Mal wieder Vertrauen zu einem Menschen gefunden und er wurde mein Vater-, Bruder- und Freundersatz für viele, viele Jahre.

In diesem Heim blieb ich auch ohne einmal die Flucht zu ergreifen. Außerdem war es auch eine irre Zeit, da es ein gemischtes Heim für Jungen und Mädchen war. Wir als Jungs hatten fast alle schon die Pubertät hinter uns, die Schwänze juckten mehrmals am Tag und standen wie ein Fahnenmast in der Hose. Die Mädchen waren wohl geformt und die meisten hatten schon Ahnung vom körperlichen Kontakt mit dem anderen Geschlecht; sonst wären sie wahrscheinlich auch nicht im Heim gelandet. Schnell waren die Paare gefunden und wir wussten uns schon die Zeit zu vertreiben. Es blieb auch nicht nur beim Petting, sondern es wurde auch zu dieser Zeit schon kräftig am Kamasutra geübt. Es war eine schöne und irre Zeit, in der es auch zwei junge Erzieherinnen gab, die mehr als einmal unseren Schwanz zu kosten bekamen, bis das ganze dann irgend wann mal aufflog, weil sich so eine Tussi, die ebenfalls als Klient im Heim war, bei einer Therapiestunde ihrem Erzieher gegenüber verplapperte.

Nach der Schulentlassung und der Konfirmation ging es dann wieder zurück nach Saarbrücken zu meinen Eltern. Ich begann eine Lehre als Bauzeichner, was mir aber nicht gefiel, weil der Chef so ein Arschloch war. So war es auch danach bei meiner Lehre zum Karosseriebauer in einem Opelautohaus. Danach begann ich eine Lehre als Schlosser. An dieser Arbeit hatte ich meinen Gefallen, aber die Lehre wurde dann beendet, weil der Chef keinen Meister hatte, der Lehrlinge ausbilden durfte. Schade!

Zu jener Zeit lernte ich auch meinen Freund Roger kennen.
Ja, dieser Mensch ist eigentlich der Dreh- und Angelpunkt meines Lebens. Er war ein Wesen, eine Fabel, eine Legende. Er war weder Freund, noch Kamerad, noch Bruder. Er war ein Teil meiner selbst. Ein Teil meiner Seele, meines Denkens, meines Fühlens.


Dass er nicht als Roger getauft wurde, muss hier nicht extra erwähnt werden. Aber ich werde auch hier in keiner Weise seinen richtigen Namen erwähnen. Allen war er nur als Roger bekannt. Außerdem hat jeder das Recht auf Anonymität.

Ich lernte ihn durch einen anderen Bekannten ca. zu der Zeit kennen, als ich aus dem Kinderheim in Oberotterbach/Pfalz nach Saarbrücken zurückkehrte. Roger wohnte ebenfalls in Saarbrücken und nicht weit von meinen Eltern entfernt. Seine Eltern kamen ebenfalls aus der damaligen DDR, und Roger hatte noch fünf Geschwister. Zwei Brüder und drei Schwestern. Mit der Zeit war ich mehr bei ihm zu Hause als bei uns. Von der Art her war er mir sehr ähnlich und der Sender zwischen uns wurde mit der Zeit immer stärker. Wir waren - wie man es so schön formuliert: ein Arsch und eine Seele.

Richtig und "unzertrennlich" wurden wir aber erst nach meiner Rückkehr von der Seefahrt, als ich in der Saarbrücker Szene Fuß gefasst hatte und bei RS Rindfleisch, dieser saarländischen Kultband als Roadie eingestiegen war.

Roger lernte zu der damaligen Zeit noch in einer Elektrofirma als Lehrling, wenn ich mich heute noch recht erinnere. Und: ich bewunderte ihn irgendwie schon, wie er das Arbeitsleben mit dem geilen Leben als Freak, Hippie oder wie man es bezeichnen möchte in den Griff bekam. Egal wie spät oder früh es auch immer wurde, Roger fand am nächsten Morgen seinen Weg in die Firma, um seine Stunden abzureißen und die Lehre zu Ende zu bringen.

Es gab ein paar Leute, die Roger für einen arroganten Arsch hielten, aber das waren meistens solche, die sich nicht näher mit ihm beschäftigt hatten und ihn nicht richtig kennen lernen wollten.

Zugegeben, Roger war ein zynischer Spaßvogel vor dem Herrn, aber nicht jeder konnte mit seinem Humor umgehen, der mich rückblickend stark an den englischen Humor von Mr. Bean oder auch von Monty Python erinnerte. Er war ein Mensch, der sich mit ganzem Herzen und der unendlichen Sehnsucht nach Freiheit ins Leben warf. Zugegeben, das Elternhaus war altmodisch und bürgerlich, wie auch das meinige und der Wille aus diesem Mief des Kleinbürgertums auszubrechen, war genau so gigantisch wie bei mir. Auch ihn hatte man aus seiner Heimat ins Saarland geschleudert.

Roger wurde mit der Zeit immer mehr zu einem zentralen Mittelpunkt meines Lebens. Ja, ich kann sogar behaupten, dass ich ihn liebte. Nicht sexuell oder wie eine Frau, aber so intensiv und unwahrscheinlich offen. Mit ihm konnte ich über alles quatschen, über alles diskutieren. Er war der Dreh- und Angelpunkt meines Zentrums.

Mit dem Arbeitsleben eines "Otto Normalverbrauchers" hatte ich eigentlich nie einen direkten Bezug. Entweder ich fühlte mich irgendwo wohl oder ich warf nach kurzer oder längerer Zeit die Brocken hin.

Ich arbeitete bei den unterschiedlichen Firmen der Getränke-, Bau- und Elektrobranche. Hier stimmte wenigstens die Kohle, aber die Leute waren mir irgendwie alle zu gewöhnlich. Ihre Lebenserfahrung bestand nur aus Gartenverein, Hasenzucht, Saufen und dumpfen banalen Gesprächen über allen möglichen Scheiß, den keine Sau interessierte. Am allerwenigsten mich.

Ich begann wieder mit meinen Reisen. So unter anderem nach Paris, wo ich fast ein viertel Jahr auf der Straße, in Hotels oder bei Freunden unterkam. Es war die Zeit, die mein Leben entschieden mit gestaltet hatte. So lebte ich einige Wochen mit Clochards (bei uns nennt man sie abfällig Penner oder Schmarotzer) unter den Brücken der Seine. Ich jobbte in den Markthallen, als Aufpasser in Bordellen oder als "Mädchen-Für-Alles" in verschiedenen Clubs, Bars oder Parkhäusern. Ich lernte in diesen Tagen auch ganz besonders durch meinen Umgang mit den vorhin genannten Clochards, den Prostituierten und den vielen Künstlern aus Malerei, Musik, Film und Kabarett eine Welt kennen, die so total zu meiner Phantasie passte. Seit diesen Tagen sind Prostituierte, Gestrauchelte des Lebens und fremdrassige Menschen ein Teil meines Seins geworden. In der Liebe erhielt ich meine "Ausbildung" in allen Nuancen des körperlichen Wohlbefindens. Ich wurde ein Mensch, der langsam lernte, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Tiefgründiger vor allem. Und ich erhielt eine Ausbildung als Einbrecher. Lernte Autos zu knacken, Türen und Fenster. Eine Zeit lang zog ich auch mit einem Typen durch die Metrostationen. Er sang und spielte Gitarre, ich verkaufte selbst gemalte Bilder. Ich bin mir auch heute noch ziemlich sicher, das dieser Typ der spätere Star Michel Polnareff war. Als ich ihn das letzte Mal sah, begleitete ich ihn zu einer Plattenfirma, die ihn unter Vertrag nahm. Danach haben wir uns nie wieder gesehen. Mindestens nicht persönlich.

Aus Paris zurückgekehrt, lebte ich dann eine Zeit in München, wo ich mit Hippies und Gammlern im Englischen Garten am Monopterus (eine Kultstätte dieser eben genannten Generation) übernachtete und später einen Job als Hausmeistergehilfe im BIG APPLE erhielt. Das BIG APPLE war ein Rockladen mit live Auftritten in Schwabing. Hier gab es geile Konzerte und geile Bräute. In München verdiente ich mir auch eine schöne Stange Geld damit, dass ich mich in der Homoszene aufhielt und für gutes Geld den Freiern die Nudel polierte. Einige oder auch viele werden das jetzt eklig finden, aber there is no buisness like showbuisness... Und: wenn manche wüssten, mit wem ich es da alles zu tun hatte. Außerdem gab es gut Asche und ficken war eh nicht drin.

Nach München war dann Berlin angesagt. Hier lebte ich fast nur von Einbrüchen, Ladendiebstählen, Gelegenheitsjobs und suchte mir Freier in der Homoszene. Da zu muss ich an dieser Stelle auch etwas loswerden. Ich war und bin nie ein Homosexueller gewesen oder hatte sehr starke Ambitionen in diese Richtung. Doch ich habe auch nie Berührungsängste mit Schwulen gehabt. Vielleicht lag es auch an meinem damaligen Erlebnis mit dem Bruder eines Klassenkameraden, der mich sexuell befummelt hatte. Wenn ich mir heute so diese verlogene Moral über Sexualität etc. ansehe, dann kommt mir das große Kotzen. Wer von den vielen Hasenhirnen, die da nach Vergasung schrieen, nach "alle machen" und "Rübe runter". Wer von all denen hat sich je die Mühe gemacht, mit einem Homosexuellen ins GESPRÄCH zu kommen? Aber draufhauen auf die Fresse. Da sind sie alle so stark. Von nix 'ne Ahnung, aber die Fresse aufreißen...

In meinem bisherigen Leben habe ich sehr viele Homos und Lesben kennen gelernt und ich kann nur sagen, dass viele dieser Menschen sehr liebenswert, intelligent und hilfsbereit sind. Ich hasse diese banalen Vorurteile, diese Menschen gehörten ins Gas. Pfui Teufel, ihr Scheiß Moralapostel mit der doppelten Moral.

Irgendwann kam es dann so wie es kommen musste. Noch immer nicht volljährig, wurde ich in ein Erziehungsheim in die Nähe von Kulmbach eingeliefert. Aber hier hielt ich es auch nicht lange aus, nachdem ich es mit einer Erzieherin getrieben hatte. Ich bekam tierischen Stress mit ihrem Alten, den ich zusammenschlug, weil er mich schikanierte wo er nur konnte und verschwand abends aus dem Heim. Zu Fuß lief ich im Winter, bekleidet mit Pullover, Hosen und Halbschuhen an der Autobahn entlang bis Nürnberg. Das waren so ca. 110 km. Hier stieg ich am Hauptbahnhof in ein Taxi und ließ mich zu meinen Eltern nach Saarbrücken fahren. Mein Vater musste für diese Reise ca. 400.- DM an Taxikosten zahlen, nachdem er den Prozess verloren hatte. Er hatte dem Taxifahrer irgendwas unterschrieben, wo er einen rechtsgültigen Handel abschloss, aus dem er dann auch vor Gericht nicht mehr herauskam.

Ich schaffte es dann, meinen Eltern die Erlaubnis abzuschwatzen, dass ich in Hamburg die Seemannsschule besuchen durfte, um eine nautische Laufbahn ein zu schlagen. Scheinbar fanden sie das eine gute Lösung und waren auch der Meinung, dass das auch meinen Ferntrieb eindämmen würde. Ich war Mitte 17, als ich die Reise nach Hamburg antrat. Voller Tatendrang und ausgestattet mit einer Großen Sehnsucht nach fremden Ländern, fremden Kulturen. Aber am meisten wollte ich nur einfach weg. Weg von zu Hause. Weg von meinen Eltern. Weg vom gutbürgerlichen Haushalt unserer Familie, der eigentlich nie seit dem Umzug in den "Westen" mein Hafen war.

Meine Zeit in Hamburg und auf See

Ich hab keine Pläne
keine Rendezvous
keine Treffs mit niemand
by Jack Kerouac

Die Seemannsschule Blankenese war, wie der Name schon hergibt, im Stadtteil Blankenese in einer alten Villa untergebracht. Es herrschte der alte Drill einer preußischen Kadettenschule, und die Ausbilder waren immer darauf erpicht, uns nur nicht zu viel Freiheit zu lassen. Zu dummen Streichen und Blödeleien war kaum Zeit. Die Tage waren ausgefüllt von Morgens 06:00 Uhr Weck zeit bis abends 21:00 Uhr Schlafenszeit mit Unterricht, Unterricht und nochmals Unterricht. Erlernen von allem was mit der Seefahrerei zu tun hatte. Nautik. Schiffskunde. Wetterdeutungen, Seefahrtskarten erstellen und lesen können, Das Erlernen der unterschiedlichsten Seemannsknoten und meine "Lieblingsbeschäftigung" das Spleißen. Für die, die mit diesem Begriff nichts anzufangen wissen, sei er hier kurz erklärt.

Unter Spleißen versteht man die bruchfeste, dauerhafte Verbindung bzw. Reparatur von Faser- und Drahttauwerk durch Verflechten der einzelnen Kardeele. Dies wird bei Draht gut mit Hilfe eines Marlspiekers – bei stramm sitzendem anderen Gut meist eines Hohlspiekers – bewerkstelligt. Der Takler kennt verschiedene Arten von Spleißen: Augspleiß, Langspleiß, Kurzspleiß und Rückspleiß (Endspleiß).

Beim Augspleiß wird das Ende des Tauwerks so in den Tampen eingearbeitet, dass ein Auge entsteht. Dieses ist wesentlich belastbarer als eine geknotete Schlinge. Einen solche Trosse wird z. B. für die Vertäuung von Schiffen benutzt, wobei das Auge über einen Poller gelegt wird um so eine Verbindung zwischen Schiff und Kai oder Pier herzustellen oder – frei im Hafenbecken liegend – zu einem Duckdalben.

Unter Dalben (der), auch Duck-, Duk- oder Dückdalben, versteht man in den Hafengrund eingerammte Pfähle zum Befestigen von Schiffen.
(Quelle der Erklärung: http://de.wikipedia.org)

Es war ein harte Zeit in der Seemannsschule, denn militärisch zu bezeichnender Drill war angesagt. Und unser Ausbilder erinnert mich heute zurückblickend oft an den Drill Sergeanten aus dem Film FULL METAL JACKET, der "Private Paula" das anfängliche Leben in der Army zur Hölle machte.

Ab und an gab es natürlich auch an den Wochenenden mal Ausgang. Meistens an den Samstagen da man ja am Montag wieder um 06:00 Uhr durch die grelle Seemannspfeife aus dem meist feuchten Traum gerissen wurde.
Der Ausgang bestand meistens darin, dass wir uns alle im Hof in Reih und Glied aufstellen mussten. Der Chef, ein ehemaliger Kapitän zur See, in Vertretung der erste und zweite Offizier, meistens schon bei Adolf in der Reichsmarine gedient, ging die Reihe ab und wir mussten das frisch gewaschenen und genau gefaltete blütenweiße Taschentuch vorzeigen, unsere blank geputzten Schuhe, die gereinigten Fingernägel und die Haarlänge, die nicht mehr als zwei Zentimeter betragen durfte. Die Frisur wurde i m m e r so geschnitten, als hätte man einen Topf zur Vorlage auf dem Schädel getragen. Wer gegen irgendetwas verstieß, musste in der Schule bleiben und Hausarbeiten erledigen, die oft darin bestand, der "gehobenen Führungsschicht" die Bude zu reinigen, die leeren ausgesoffenen Getränkeflaschen zu entfernen.

Wir erhielten im Monat - so viel ich noch in Erinnerung habe - ca. 30 DM Taschengeld. Davon mussten wir unsere Zigaretten selbst kaufen, unsere Toilettenartikel und dergleichen. So kann man sich leicht ausrechnen, dass zu großen und im Gedächtnis haften bleibenden Unternehmungen keine Kohle übrig war.

Meistens trieben wir uns auf der Reeperbahn rum. Stierten die vielen Nutten an, drückten uns an den Schaukästen der einschlägigen Etablissements die Nasen platt und ergeilten uns an den vielen, meist schwarzweißen Bildern, der nackten oder halbnackten Schönheiten, die die jeweilige Lokalität den unzähligen Gästen des Kiezes anboten. Nachts gab es dann meistens nach derartigen Besuchen ein regelrechtes Wettwichsen in unserem großen gemeinsamen Schlafsaal, wo sich ca. 20 -25 junge Männer den Verstand aus dem Schwanz wichsten.

Nach einiger Zeit hatte ich mich einer Gruppe von fünf Leuten angeschlossen, die von den anderen meistens nur die Rebellen genannt wurden. Wir waren gegen alles und gegen jeden. Am allermeisten gegen den harten Drill der Schule und die "Schweine" von unseren Ausbildern.

Eines schönen Tages fanden wir heraus, dass sich in unmittelbarer Nähe unseres Domizils ein Mädchenpensionat für die Töchter der Oberschicht befand. Und: alle in unserem Alter.

Irgendwie hatten wir es so gedreht, dass wir mit einigen von ihnen in Kontakt kamen, als man sich ab und an beim Geländelauf über die Füße lief.

Es dauerte dann auch nur noch kurze Zeit und wir "Rebellen" waren nachts öfters im Hühnerstall der jungen Küken anzutreffen, als in unserem Betten- und Wichssaal. Das war eine sehr geile und intensive Zeit, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen, als dem ständigen wiederkehrenden Trott auf unserer Schule. Sie ließen sich zwar nicht Ficken, aber unsere Phantasie gab genug Ideen her, um uns gegenseitig, nein, meistens doch egoistisch einseitig, Befriedigung zu verschaffen.

So kam es wie es kommen musste, und wir wurden nach ein paar Tagen von der Obererzieherin in den Betten einiger ihrer anvertrauten Zöglinge in flagranti erwischt. Mit noch steifen Schwänzen machten wir uns vom Acker oder präziser formuliert, aus dem Schlafgemach der Töchter einer gewissen Oberschicht unseres Staates.
Die Moral der Geschichte: wir wurden unehrenhaft und ohne Ausbildungs Abschluss nach ca. drei Monaten aus der Schule geschmissen. Die nautische Laufbahn war schneller zu Ende als sie begonnen hatte und uns blieb nur noch die Möglichkeit als Decksmann einen Job auf einem der vielen deutschen Schiffe zu ergattern. Als Decksmann bezeichnet man die Leute, die an Land den Status eines Hilfsarbeiters ihr Eigen nennen.

Bis zu meinem ersten Schiff verging einige Zeit, die ich jeden Tag auf der Reeperbahn verbrachte. Ich lernte eine Menge Leute kennen. Loddel, Huren, Betrüger. Künstler, Boxer, Freaks. Und jede Menge Seemänner aus aller Herren Länder.

Der Unterricht im Stadtteil St. Pauli - auf der berühmten sündigen Meile: mit seinen unzähligen Gässchen und Winkeln, seinen legendären Straßen - wie der Großen Freiheit oder der Herbertstraße - seinen Kneipen, Bars und Tattosshops, seinen Huren und Travestiekünstlern, seinen Kultstätten wie der legendäre STAR CLUB oder das GRÜNSPAN mit seinen geilen Rockkonzerten von Bands, die heute Kultstatus auf der ganzen Welt haben - interessierte mich mehr, als das vorherige Erlernen der unzähligen Seemannsknoten in der Seemannsschule Blankenese.
Ich war oft im Star Club gewesen und hatte mir einige Bands der damaligen Zeit angehört. Es war anders, es war neu, es klang fremd. Manches gefiel mir, manches fand ich Scheiße. Ich hatte meinen Freddie Quinn. Seine Seemannslieder. Seine Blue boys blue und seine weiße Taube. Aber das sollte sich bald gewaltig ändern.

Es stank mir gewaltig, dass viele junge Männer meines Alters auf dem Kitz und den Kultstätten der Musik die Haare viel länger trugen als die Mehrheit. Nach krampfhaftem Kopf-Zermartern wie ich genauso aussehen konnte, denn ich trug noch immer meinen militärisch kurzen Haarschnitt, kam ich auf eine geile Idee. Ich betrat einen Friseurladen in der Kastanienallee hinter der Davids wache und erkundigte mich nach dem Preis für das Färben meines wenigen Haupthaares. Es kostete für meine damaligen Verhältnisse und finanziellen Mittel ein Vermögen. Ich bat die Friseuse, ausnahmsweise mal nicht blond, sondern rabenschwarz nach einem Glas Wasser, da mir übel sei. Die Dame verließ den Laden, um aus dem Aufenthaltsraum ein Glas zu holen. Kaum war sie außerhalb meiner Sichtweite, hatte ich auch schon eine schöne dunkelblonde Langhaarperücke aus der offenen Schaufensterauslage gegriffen und sie unter meinem Parka verschwinden lassen. Die Lady kam mit einem Gläschen Schnaps zurück. Ich trank es mit einem Zuge leer, um meine Nervosität etwas zu bekämpfen. Man konnte ja nie wissen, ob nicht gerade jemand mein Tun von draußen beobachtet hatte. Ich stammelte noch etwas von "muss ich mir noch mal alles durch den Kopf gehen lassen" und verzog mich schleunigst vom Tatort.

In einem Fotoautomaten probierte ich das billig erstandene Teil an, steckte ein paar Münzen für Passbilder in den Geldschlitz der Fotomaschine und war begeistert über mein neues Aussehen. Wie König Protz verließ ich den Automaten, um schon an der nächsten Ecke von einer Prostituierten lachend angesprochen zu werden.
"He, Junge, zieh dir doch mal den Hut etwas gerade."
Hut? Welcher Hut? Blöde Kuh!
Noch in der gleichen Nacht wusste ich dann Bescheid was es mit dem Hut auf sich hatte.
Ich habe ihn zwar nie wieder aufgesetzt, aber er war ein monatelanger Begleiter auf meinen späteren Schiffen, bis der Bootsmann der MS ZOSMA den "alten Filzlappen" kurz vor der kanadischen Küste über Bord warf. So ein gigantisches Arschloch, obwohl er der beste Bootsmann war, den ich je hatte.

Meine Lieblings Lokalität auf der Reeperbahn, präziser formuliert auf der Großen Freiheit, war der Star Club und das Grünspan, das auch heute noch auf seinem alten Platz existiert. Zurzeit im Jahre 2006 ein Technotempel in türkischer Hand.

(Anmerk. GRÜNSPAN
Nutzung: Konzerte, Partys, Veranstaltungen, Kino, Lesungen, Film und Videodreh etc.
Adresse: Grosse Freiheit 58, 22767 Hamburg
Kapazität: 800 (bei Konzerten), ca. 1200 (bei Partys im Durchlauf)

Der Grünspan existiert seit bald 40 Jahren an gleicher Stelle mit gleichem Betreiber. Das ehemalige Lichtspielhaus ist damit Deutschlands, vermutlich sogar Europas, älteste Discothek.

+++++ +++ +++++

Irgendwann hing da im Schaukasten des Star Clubs ein Plakat mit der Aufschrift JIMI HENDRIX EXPERIENCE. 3 Tage auch noch. Und die Typen auf dem Foto sahen auch nicht gerade so aus, als könnte man ihnen vertrauen. So verwahrlost. So schmutzig. So böse. Alles Dinge, die mich normaler Weise anzogen wie das Licht die Motten. Aber plötzlich war alles anders. Es handelt sich hier um drei Tage im März des Jahres 1967. Es war der 17. Der 18. Und der 19. März 1967. Und... ich war soooooo nah dran.
Vielleicht lag es auch daran, dass die Gruppen, die ich bisher gesehen hatte ganz nette und saubere Boys gewesen waren. Tony Sheridan. Gerry & The Pacemakers. Rattles. Walker Brothers etc. So verbrachte ich dann die nächsten Tage lieber im Grünspan oder im Goldenen Handschuh, einem geilen Laden auf der Mitte der Reeperbahn, den es auch meines Wissens heute noch gibt. Sein Publikum bestand immer aus interessanten Leuten. Vom Penner, über den Seemann, den Loddel, die Huren. Vom Boxer über seine Fans bis zum Akademiker. Hier war alles vertreten.

Ein paar Tage später musste ich dann wieder auf das Seemannsamt, um mich zu melden und nach einem Kahn zu fragen. Heute ist in dem Gebäude auf einem Hügel gegenüber den Landungsbrücken ein Hotel untergebracht. An diesem Morgen saß auch ein Typ mit einem plärrenden Kofferradio im Warteraum des Amtes. Und aus jenem Gerät flogen Klänge und Laute in meinen Kopf. Explodierten dort. Schrillten durch die Windungen meiner Nervenbahnen. Trafen mein Inneres und wummernde Glocken erweckten mein Bewusstsein.
"Wer ist das", fragte ich den Typ, der allein in einer Ecke saß, weil die anderen den Lärm verfluchten.
Er sagte nur drei Worte:
"Jimi Hendrix Experience".
Ich musste ihn ziemlich blöde angeschaut haben, denn er fügte noch etwas ganz Besonderes hinzu, das mich erstarren ließ:
"...das ist der Typ, der vor kurzem drei Tage mit seinen beiden Jungs im Star Club gespielt hat."
RUMMS!!!

Als ich Hendrix dann öfters hörte, aber NIE mehr live sah außer im Kino, später auf Video und DVD, verstand ich meinen bisherigen musikalischen Horizont nicht mehr. Es war mir unerklärlich, dass man derartig viel mit einem Instrument ausdrücken konnte wie er es mit seiner Gitarre getan hatte. Er entfachte ein derartiges Inferno, dass man sich teilweise wirklich in andere Galaxien, den Vietnamkrieg oder zum Zauberer von Oz versetzt sah.

Klängen aus unbekannten Welten, Reisen durch den Voodoo Dschungel Afrikas, Flüge durch das Weltall und durch unbekannte metaphysische Sphären. Maschinengewehrsalven, fallende und explodierende Bomben, schreiende und wehklagende Menschen. Aber auch Liebe, Gefühle und orgastische Kaleidoskope verließen als Akkorde die Lautsprecher bei seinen Konzerten.

Er war und ist für mich - neben Jim Morrison von den DOORS, Jimi Page und Robert Plant von LED ZEPPELIN Frank Zappa und Bob Marley - eine der schillernden Figuren der Rockmusik. Vielleicht gibt es bessere Gitarristen, vielleicht gibt es auch bessere Musiker und Sänger, aber Jimi war der Inbegriff der sechs Saiten, ein Siegfried und Roy oder auch ein David Copperfield der Gitarrenakkorde.

Ich begriff nicht, und habe es auch jahrelang bis aufs Blut verleugnet, dass ich ein Fan eines gewissen Freddy Quinn gewesen bin.
UNERKLÄRLICH!

Jimi Hendrix starb am 18. September 1970 in London. Sein Tod wurde nie ganz aufgeklärt.

+++++ +++ +++++

Mein erster Kahn - die MS LAS PALMAS - brachte mich über Antwerpen, wo ich mir erst mal eine ganze Nacht und mit Vorschuss versehen, in einem kleinen Puff die Seele aus dem Leib vögelte. Es war eine zierliche Chinesin, die das Ficken mit erfunden haben musste. Nach Antwerpen war ich mit dem Zug von Hamburg Altona angereist, denn der Kahn schaukelte dort im Hafenbecken, um zur Weiterreise nach Marokko beladen zu werden. Mein erstes Schiff! Und es war bitter kalt im Februar 1968. Ca. 3 Grad! Es lag Schnee und ich fror mir den Arsch ab. Es ging dann weiter nach Le Havre und über Gibraltar (ca. 20 Grad) und Algerien (ca. 25 Grad, schon etwas gebräunt) nach Casablanca (ca. 30 Grad, braun) und Tanger in Marokko; das damals geilste Land meines bisherigen Lebens! Das lag aber effektiv nur daran, dass ich noch nie so weit von zu Hause weg war.

Der Orient zog mich schon bei der ersten Fahrt in seinen Bann. Diese geheimnisvolle und duftende Gegend mit ihren Gewürzen, Kunsthandwerkern, mit ihren verwinkelten Gässchen, Basaren und Moscheen. Mit ihren Minaretten. Ihren fremden Menschen, wo auch die Männer Kleider trugen und man den Frauen nicht in die Augen oder auf ihre Titten und Ärsche schauen konnte, weil alles verhüllt war. Aber Marokko war so tierisch geil. Vor allem die Puffs und Striplokale. So vermummt und verhüllt sich die Damenwelt in der Öffentlichkeit auch zeigte, so freizügiger und unkeusch trieben sie es in den genannten Etablissements. Und sie waren wahre Künstler beim Ficken in der Reiterstellung. Keine Ahnung, ob das mit dem Bauchtanz zusammenhing, aber sie alle hatten ein Gefühl im Unterleib, das einem mehrmals fast der Schwanz in Atome aufgelöst wurde.

Aus diesem Grund verließ ich auch das Schiff in der verwinkelten Hafenstadt gegenüber von Gibraltar. Tanger. Zwei Monate dauerte mein Aufenthalt in dieser unsagbaren schönen Stadt.
In einer Teestube lernte ich den stellvertretenden Polizeichef der Stadt kennen und wohnte fast die ganze Zeit bei ihm und seiner Frau. Die beiden waren absolut cool. Durch ihn - seinen Namen habe ich zwischenzeitlich längst vergessen - machte ich auch meine erste Bekanntschaft mit dem Naturprodukt, welches mich eine lange Zeit meines Lebens begleiten sollte: Haschisch. Die Einheimischen nannten und nennen es liebevoll Kif.

Ich fühlte mich sau wohl bei meiner "Gastfamilie". Vor allem bei seiner Gattin, einer wunderschönen und erhabenen Frau, die innerhalb des Hauses nie verschleiert umher lief hatte ich einen Stein im Brett. Nicht, das wir es miteinander getrieben hätten oder ich sie mal unsittlich angemacht oder sogar noch berührt hätte, was mich bestimmt das Leben gekostet hätte weil die Sitten und Gebräuche in dieser dominanten mohammedanischen Männerwelt so ausgelegt waren und teilweise auch heute noch existieren. Nein. Der Grund war einfach ein Rest meiner elterlichen Erziehung. Es war für einen Mann ein Unding, dass er die Sachen für den täglichen Haushalt selbst kaufte oder selbst besorgte. Das war alleinige Frauen Angelegenheit.
Nun ging ich halt des Öfteren mit der Dame des Hauses einkaufen und wie man eben so ist, trägt man dann als Kavalier der alten Schule der Weiblichkeit auch die gefüllte und manchmal sehr schwere Einkaufstasche nach Hause. Dabei hatte ich mich immer gewundert, dass es immer fröhlich zwischen den Frauen zuging, wenn sie ihre Freundinnen oder Bekannten im Ort traf, wenn ich mit von der Partie war und mich an der Tasche abschleppte. Es war ein Geschnatter wie auf dem sprichwörtlich türkischem Basar. Nur war es nicht die Türkei, sondern Tanger in Marokko.

Irgendwann musste sie auch ihrem Gatten, dem zweiten Oberbullen davon berichtet haben, denn er schaute mich mit lachenden Augen an und teilte mir dann in unserem Kauderwelsch aus etwas Englisch und viel mit den Händen wedelnd mit, dass das im Orient absolut unter der Würde eines Mannes sei. Mir war es egal, denn sie kochte, briet und backte für mich die leckersten Gerichte, die ich bis dahin gekannt hatte. Mein Lieblingsessen war Cous Cous und ein auf heißen Steinen gegrillter Seefisch. Da läuft mir heute noch das Wasser im Maul zusammen, wenn ich daran denke.

Es blieb nicht aus, dass sich auch in Tanger die eigenartigsten Gestalten aus der westlichen Welt tummelten. Sesshaft gewordene Seeleute, die einen Laden oder eine Pension ihr Eigen nannten. Leute, die aus den unterschiedlichsten Gründen untertauchen mussten. Und man traf auf die ersten Hippies, Gammler und Beatniks, die erfahren hatten, dass es hier in diesem Land ein Produkt gab, welches die Sinne und das Bewusstsein veränderte. Der vorhin schon beschriebene Kif.

Ich zog mir das Zeug fast zu jeder Tages- oder Nachtzeit rein. Auch beim stellvertretenden Polizeichef glühte die Wasserpfeife fast jeden Abend und es war immer ein schöner Batzen im Haus.

Wie schon erwähnt blieb ich fast zwei Monate in Tanger, bis ich mit einem anderen Schiff derselben Reederei nach Hamburg zurückkehrte. Es war eben nicht immer einfach, als Illegaler in einem fremden Land zu sein. Außerdem wollte ich nicht, dass die Gastfamilie wegen mir in Schwierigkeiten kam.
Der Kapitän dieses Frachters verpasste mir eine derartige Zigarre, dass ich die ganze Rückreise davon zehrte. Ich hatte der Reederei einen Haufen Scherereien verursacht, weil ich "achtern raus" bin (d.h. abgehauen und verschollen geblieben. Anm. des Autors), und der Kahn drei Tage länger in Tanger liegen bleiben musste. Was ich bis heute noch nicht verstehe ist, dass mich mein Gastgeber nie verpfiff, denn ich hatte es ihm mit meinem englischen Kauderwelsch verständlich gemacht.
Wir haben uns nie wieder gesehen...

Wieder in Hamburg angekommen, gab es erst mal paar Tage ab hotten auf der Reeperbahn. Danach meldete ich mich auf dem Seemannsamt (wo es gleich wieder 'nen Anpfiff gab, wegen der Geschichte in Tanger - woher die das nur wieder wussten???) und erhielt ein "Engagement" auf einem Frachter, der Kanada und die USA anlief...

Auf der MS Zosma fühlte ich mich eigentlich sau wohl. Erstens waren wir körperlich tätige Mannschaft eine absolut geile Truppe. Zweitens waren wir ein ganz schön verschworener Haufen so nach dem Motto: 13 Mann und 'ne Buddel voll Rum. Sogar die Offiziere und höheren Dienstgrade, welche ja meistens immer so 'ne Wichser-Elite für sich waren und mit denen man nur in den seltensten Fällen engeren Kontakt bekam, waren auf diesem Kahn total ein Team mit der gesamten Mannschaft.

Den besten Kontakt hatte ich zum Bordelektriker, der ein ähnlicher Hund war wie ich. Total verrückt und ewig geil. Da hatten sich die beiden Richtigen gefunden; was aber nicht bedeuten soll, dass wir uns zusammen die Rosette versilberten.

Einmal hatten wir uns in Chicago bei einem Landgang zwei junge Hühner aufgerissen, die wir unter dem Vorwand, ihnen mal das Schiff zu zeigen, an Bord geluchst hatten. Selbstverständlich hielten wir uns an das Versprechen mit der Bootsbesichtigung, aber dass die Präsentation unserer Kabinen so lange dauern sollte, damit hatte keiner von uns gerechnet. Die zwei Amerikanerinnen hatten auch etwas Gras dabei und wir teilten Zigaretten und Whisky mit ihnen. Aus meinem Plattenspieler ertönte die geilste Musik aus der damaligen Zeit und wir waren so richtig schön breit. Nach anfänglichem Zögern waren die Girls endlich auch so richtig aufgeheizt, feucht im Slip und zu allen Schandtaten bereit. Wir vergnügten uns mit einem tierischen Fick der die ganze Nacht andauerte.
Irgendwann wurden wir vom Bootsmann geweckt, der sich grinsend vor meiner Koje aufgebaut hatte. "Irgendwas stimmt hier nicht", war mein erster Gedanke.
Und da sollte ich mich auch nicht getäuscht haben.

Nachdem wir uns etwas angezogen hatten, das Girl aus Chicago überhaupt nichts mitbekam, da sie kein einziges deutsches Wort verstand, begaben wir uns in die Mannschaftsraum über uns. Hier wurden wir von einer johlenden und gierig aus den Augen blickenden Truppe mit brausendem Applaus empfangen. An der Stirnseite des großen Esstisches thronte der Alte. An seiner Seite mein Freund Elektrik mit seinem Betthäschen. Der Alte, dem der obligatorische kalte Zigarrenstummel zwischen den Lippen hing, schlug mit der flachen Hand scheppernd auf den Tisch und stellte die wichtige Frage
"Freudenberger, was sollen die Weiber an Bord?"
"Blöde Frage!", stellte ich sofort gedanklich fest, aber real kam nur ein dummes Gequassel über meine Lippen.

Nun gut... Folgendes war passiert:
Der Kapitän hatte Bescheid bekommen, dass der Kahn ein paar Stunden früher nach Milwaukee auslaufen sollte. Dies war dann auch geschehen. Alle hatten es auch mitbekommen, nur nicht wir. Und Bescheid gesagt oder geweckt hatte uns auch keiner. Ende der Fahnenstange war, dass die beiden Girls mit hochroten Köpfen in Milwaukee von Bord gingen und der Elektriker und meine Wenigkeit ihnen die Heimreise per Flugzeug finanzieren durften. Für dieses Geld hätten wir uns zu zweit eine Woche in einem Edelbordell aufhalten können. Der amerikanische Dollar stand damals bei 1:4 und der kanadische Dollar sogar auf enormem Kurs von 1:4,25.

+++++ +++ +++++

Amerika für einen 19 jährigen war schon eine Welt für sich.
Allein die fast zwei Wochen dauernde Fahrt über den Atlantik war eine Faszination zwischen Abenteuerlust und Ehrerbietung gegenüber den Naturgewalten. Mitten durch Eisberge, die weit vor der kanadischen Küste trieben, den St. Lorenzstrom hoch, durch gigantische Staustufen und eine tierisch geile Natur ging es über Halifax, Quebec, Montreal, Toronto, Milwaukee nach Chicago.
Wow; nur waren zu dieser Zeit diese wahnsinnigen Rassenunruhen in der USA, und es ging da teilweise ganz schön die Post ab.

Was mich bei der Seefahrt aber am allermeisten faszinierte, war diese absolute Kameradschaft unter der Mannschaft und dieses blinde, gegenseitige Vertrauen.
Und dann immer wieder diese unvergesslichen Augenblicke auf dem Meer, wenn unzählige Delphinschwärme im Abendrot das Schiff begleiteten. Wenn Windstärken bis über zehn und mehr den Kahn schlingern ließen und die Gischt über das Deck trieb.
Es war gigantisch und wird mir auch ewig in Erinnerung bleiben...

Auf der MS ZOSMA blieb ich über ein halbes Jahr und hatte mit ihr in dieser Zeit vier Fahrten nach Chicago.

Die Beendigung meiner nautischen Laufbahn war dann ein schwerer Arbeitsunfall, der mich in Århus/Dänemark ereilte. Ich fuhr als Decksmann auf einem kleinen Kümo (Küstenmotorschiff), der die ungefähre Größe eines Rheinschiffes besaß. Der Kapitän war gleichzeitig der Reeder und lebte auch die überwiegende Zeit mit seiner Frau - einer sagenhaften Köchin!!! - und einer seiner drei Töchter auf dem Kümo. Die Tochter wurde allgemein nur Lilie genannt, denn Vater und Mutter waren beide große Verehrer von Marlene Dietrich.

Erich, der Kapitän war ein dufter und besonnener Mittfünfziger und hatte das Herz in allen Belangen auf dem rechten Fleck. Mit ihm habe ich auch ein paar heiße Eisen in den einschlägigen Bars und Hafenkaschemmen an Dänemarks Küste geschmiedet. Aber ein besonderes Auge hatte ich schon vom ersten Tag an auf seine neunzehnjährige Tochter Lilly geworfen. Feuerrote Haare, die ewig zu einem Zopf geflochten waren und ihr fast auf den apfelförmigen Hintern fielen. Sie war schlank und hatte ein Schandmaul, dass es einem manchmal die Sprache verschlug. Ich glaube es gab keinen Seemannsfluch, den sie nicht auch gekannt hatte. Wir verstanden uns beide vom ersten Tag an. Sie mochte meine Art, meine inzwischen schon etwas längeren Haare und meine Liebe zur "Urwaldmusik" wie sich Erich immer auszudrücken pflegte. Aber da war er in Deutschland zur damaligen Zeit nicht die Ausnahme. Denn wer konnte schon etwas mit kreischenden Gitarren, wummernden Beats und Musikern anfangen, die aussahen, als seien sie gerade aus dem Magen eines Wales gekrochen. Ja ja, Captain Arhab lässt grüßen!

Jedoch zurück zu Seefahrer Erich und seiner jüngsten Tochter Lilly. Da gab es nun leider ein tierisches Problem; und dieses Problem nannte sich Erich. Mit der selben Intensität wie ich ein Auge aus individuellen und lüsternen Gründen auf sie geworfen hatte, dabei mehr an meinen "Klabautermann" in meiner Hose, als an mein Herz denkend, hatte Erich der Korsar einen Schutzbann um sie gezogen, um sie vor solch' geilen "Galgenvögeln" wie mich fernzuhalten.

Aber irgendwann war der Zauber des Schutzes vorbei, denn Erichs Holde, die wunderbare Köchin, musste zum Arzt, weil sie sich beim Kochen - oder was weiß ich heute noch?! - den Arm verbrüht hatte.

Das war die Chance meines Lebens...

Nachdem "Klabautermann" und sein Herr und die rote Lilly alle drei so richtig zufrieden mit sich, dem Seemannsleben und dem Himmel über Århus in Dänemark waren, ging es dann ans Entladen des Schiffes. Wir hatten Getreide geladen und der wurde nun gelöscht. Dazu benutzte man ein Gerät, das nicht nur wie ein überdimensionaler Staubsauger aussah, sondern auch die gleiche Funktion hatte.
Er wurde von der Kaimauer in das geladene Getreide gelassen und saugte dieses selbst in die dafür vorgesehen Silos. Dazu musste ich dann immer das saugende Ende hin- und her bewegen, um den Getreideberg abzutragen. Etwas Ähnliches hatte noch kurze Zeit zuvor Lilly mit meinem Rohr angestellt. Als dann der der "Getreidesauger" in die Höhe gezogen wurde, um in einen anderen Laderaum des Schiffes gelassen zu werden, passierte das Unglück.

Das Kopfende des Saugrohres verkantete sich an einem der Stahlträger, der die Luke überbrückte, riss diese ein Stück mit in die Höhe, um sich dann von ihr zu lösen. Das Ende der Geschichte war dies: schwere Teile, wie dieser ca. drei Zentner schwere Träger, fielen natürlich - angezogen durch die Schwerkraft der Erde - auf die selbige zurück. Er entwickelte dabei ein solch rasantes Tempo, das ich selbigen geistig, reflexmäßig und selbstverständlich auch nicht in der Schnelligkeit gewachsen war.
Der Stahlträger traf mich genau mit der Kante auf dem Schädel und riss selbigen ca. 10 cm auf. Durch sein Eigengewicht und mein gleichzeitiges Hinfallen ließ er aber von mir ab, und bohrte sich dadurch nicht in den Kopf, sondern schrammte darüber hinweg.
Ich schrie und blutete wie eine abgestochene Sau... ...und dunkel wurde es.

Ich erwachte im Krankenhaus von Århus, wo man mich hingebracht hatte. Diagnose: Schädelbruch, schwerste Gehirnerschütterung und wahnsinnigen Blutverlust. Nach fast sechs Wochen Klinikaufenthalt wurde ich wieder entlassen, nachdem ich mich zu sehr an ein paar süße Schwestern gewöhnt hatte. . .

Noch heute ist diese Story als bucklige Narbe auf meinem Schädel nachzulesen.

Nach einem tierischen Abschied von St. Pauli, meinen geliebten Huren, die mehr Anstand und Taktgefühl in ihrem Herzen haben als manche eingebildete Zimtziege, nach mehreren Besuchen in meinen Lieblings Attraktionen dem Star Club und dem Grünspan auf der Großen Freiheit und dem Goldenen Handschuh (einer Zuhälter- und Boxer Kneipe) auf der Reeperbahn direkt, hatte ich von der Seefahrt endgültig die Schnauze voll und fuhr mit dem Zug zurück nach Saarbrücken.

Es war Herbst 1969.

www.gerrys-photos.de