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Mein Leben I.
Before I sink into the big sleep
I want to hear
I want to hear
The scream of the butterfly
- By Jim Morrison / the DOORS
oder
Lost in a Roman
wilderness of pain
and all the children are insane
- by Jim Morrison / DOORS

Meine Kindheit und Jugend
Seit 1950 existiere ich auf diesem blauen Planeten, der auch den
schönen Namen Erde trägt. Ich glaub es war weit nach Mitternacht.
Ob es in dieser Nacht blitzte und donnerte - keine Ahnung. Ob ich
mir der Geburt bewusst war - keine Ahnung. Geboren wurde ich am
27. Juni in einer kleinen unbedeutenden Ortschaft am Rande des Erzgebirges
in Sachsen. Das war im ehemaligen Ossitanien, auch DDR genannt.
Die Hebamme des Ortes brachte mich zu Hause auf die Welt wie ich
erst viel später erfuhr. Auf dem Küchentisch meines Großvaters.
Manche wiederum behaupten, dass es nicht auf diesem Möbelstück
passiert sei, glaube ich noch heute daran, obwohl es auch nicht
bestätigt. Was auch immer, denn es ist eigentlich nicht relevant.
Als Kind hatte man mir immer erklärt, dass mich der Klapperstorch
gebracht hat. Aber das gehört zu dem Teil der Evolutionsgeschichte,
wo Erwachsene aus persönlicher Betroffenheit und Scham nicht
über das Ficken sprechen wollen und dann ihren Kindern so eine
Scheiße erzählen. Ja, so ist das. Vor Geilheit keuchend
und stöhnend, wie Millionen anderer Frauen und Männer,
Frauen und Frauen, Männer und Männer auch, schämen
sie sich in diesem Moment vor der Handlung der Wollust und bei denen
es körperlich passt vor dem neuen Leben.
Meine Kindheit verlief eigentlich ziemlich normal, obwohl ich heute
rückblickend viele Abweichungen von der Normalität feststelle.
An was ich mich schon in diesen ersten Lebensjahren erinnern kann
ist, dass ich schon immer einen sehr großen Freiheitsdrang
mein Eigen nannte. Ich war immer auf Achse, und meistens nie da,
wo mich meine Mutter, Vater war ja tagsüber malochen, vermutete.
Meine Eltern bestanden aus Vater und Mutter. Also auch nichts Besonderes.
Mein Vater, ein gebürtiger Dresdner war nach der mittleren
Reife - Adolf regierte schon im Deutschen Reich mit seinen braunen
und schwarzen Kohorten - sofort auf eine Offiziersschule gekommen.
Diese verließ er als Unteroffizier und übernahm danach
eine Panzereinheit in Polen und Russland. Schwer verletzt durch
mehrere Granatsplitter und Gewehrkugeln, wobei ihm russische Scharfschützen
zweieinhalb Finger abgeschossen hatten, kam er in ein Lazarett und
lernte dort die Schwester meiner Mutter kennen. Elfriede, die in
diesem "Hospital" (nicht zu vergleichen mit heutigem Standard!)
als Krankenschwester fungierte, hatte es meinem Erzeuger angetan.
Aber Schwester Elfriede war schon besetzt von Kurt, einem schnittigen
Kerl der deutschen Luftwaffe. Doch Lazarettschwester Elfriede stammte
aus einer großen Familie. Sie hatte noch eine Schwester, drei
Brüder und eine Pflegeschwester. Die Schwester war meine spätere
Mutter, die Vater Wolfgang 1949 ehelichte. Meine Mutter war, wie
schon geschrieben, eines von vielen Kindern eines Dachdeckermeisters
mit eigenem Geschäft und seiner Gattin, einer Geschäfts-
und Hausfrau.
An was ich mich noch sehr stark erinnern kann war, dass ich schon
immer ein eigenwilliges Kind mit eigenen Ideen zur Gestaltung der
Zeit und Gesetze des elterlichen Haushaltes war. Ich liebte schon
als Kind die geheimnisvollen Dachböden, die Lagerschuppen mit
ihren faszinierenden Gerüchen aus Dachpappe, Teer und Mystik.
Hier lebte ich MEIN Leben im Reiche der Zauberer, Gnome und Feen.
Hier kämpfte ich gigantische Schlachten gegen einäugige
Riesen und verwachsene Gestalten in verborgenen Welten. Dazu gehörte
dann noch die Speisekammer mit ihren unzähligen wohlschmeckenden
Geheimnissen in Dosen, Gläsern und bunten Schachteln. Es war
eine Welt der Sinne, der Freude und des Müßiggangs.
Mit meinem Großvater Franz, dem Dachdeckermeister, verbrachte
ich viel Zeit. Wenn nicht sogar die meiste. Dazu gehörte dann
noch sein Sohn und Bruder meiner Mutter Helmut und dessen ältesten
Sohn Günter. So oft als möglich begleitete ich die drei
bei ihrer Arbeit. Ich hatte auf vielen Dächern meines Geburtsortes
gesessen. Als Dreijähriger schnallte mich mein Opa auf dem
Kirchturm unseres Ortes an, und ich genoss aus luftiger Höhe
die geile Aussicht. Den Pfarrer, der das mitbekam, traf fast der
Schlag als er den kleinen Dreikäsehoch knapp unter dem Wetterhahn
oder dem Kruzifix auf der Turmkuppel fröhlich quicken hörte.
Vielleicht hatte er in diesem Moment sogar ein Stoßgebet zum
HERRN gesprochen, denn ich hatte von diesem Tage an einen Schutzengel,
der auch noch heute mein ständiger und unsichtbarer Begleiter
zu sein scheint.
Einmal rutschte ich ca. 4 - 5 Meter von einem Schrägdach eines
Holzwerkes ab. Knallte aus zwei Metern auf ein Flachdach, durchschlug
dabei ein Dachfenster und schlug dann ca. 4 Meter tiefer zwischen
zwei Fahrrädern auf dem Zementfußboden der Lagerhalle
auf. Ein Geschrei, ein Gebrüll. Alles was Beine hatte bewegte
sich auf mich zu. Ich kann mich schwach erinnern, dass sogar der
Hofhund mit ein Auge auf das Geschehen geworfen hatte. Etwas wackelig
und verstaubt kroch ich unter den Fahrrädern hervor, die über
mir zusammengefallen waren. Alle rissen die Augen auf, als sie mich
wieder vor sich stehen sahen. Ich hatte nichts! Keinen Kratzer,
keine Schramme. Zumindest für alle nicht in diesem Moment.
Erst als ich fast vierzehn war, wurde bei einer Schuluntersuchung
festgestellt, dass ich mir bei diesem Unfall eine Rippe auf der
rechten Seite des Brustkörpers gebrochen hatte. Aber ich hatte
nie Schmerzen, auch keine Verfärbung der Haut. NICHTS! Erinnern
kann ich mich noch, dass einer der Arbeiter von meinem Opa Geld
haben wollte, weil sein Fahrrad bei dem "Unfall" etwas
verbogen wurde. Mein Opa diskutierte nicht lange herum und bezahlte
die Forderung mit einem gewaltigen Hieb seiner Dachdeckerfaust an
den Kopf des armen Schluckers. "Mein Enkel verreckt fast und
du denkst in diesem Moment nur an deinen Drahtesel. Mach dich vom
Hof, sonst kommt die andere Faust auch noch geflogen!!", höre
ich heute noch die Worte meines Opas. Ja ja, der Dachdeckermeister
Franz R.; von dem habe ich einen Batzen seines Jähzornes geerbt.
Opa war ein gerechter Kerl, aber wehe man versuchte ihn zu verarschen.
Davon könnten einige Vertrete wahre Geschichten erzählen,
würden sie heute noch unter den Lebenden weilen.
Meine sonstige Zeit verbrachte ich bei Landwirten in der Nachbarschaft,
zusammen mit ein paar Freunden aus dem Ort. Und es gab ja so wahnsinnig
viel zu entdecken und durchforsten. Es war ein tierisch geiles Leben,
würde man heute sagen.
1955 wurde dann mein Bruder geboren. Meine Mutter hatte ihn, im
Gegensatz zu mir, im Krankenhaus zur Welt gebracht. Ich kann mich
noch gut daran erinnern, als sie mit dem kleinen Schreipaket nach
Hause kam. Er war der Mittelpunkt des Hauses. Er schrie, man rannte.
Er brüllte, man galoppierte. Vielleicht war das auch der ausschlaggebende
Punkt dafür, dass ich mit der Zeit so eine Art Hassliebe zu
ihm entwickelte, die sehr, sehr lange ein Teil unserer Beziehung
war. Und vor allem konnte G. überhaupt nichts dafür. Bei
mir war das auch nicht anders. Wie halt bei jedem Neuankömmling,
der in eine Familie rein geboren wird. Heute ist das für mich
nichts Außergewöhnliches. Aber damals? Mein Gott, was
ging da eine Welt in Trümmer. Ich wurde immer "wilder"
und man suchte mich den ganzen Tag irgendwo im Anwesen, im Ort.
Zu jener Zeit lernte ich auch eine neue Spielgefährtin kennen.
Sie hieß Monika und war die Tochter des Installateurs, der
neben uns im Nachbarhaus wohnte. Monika war das erste weibliche
Wesen, das ich so richtig gern hatte. Sie war meine Vertraute, meine
Spielgefährtin, ein Teil meiner selbst. Mit ihr war ich ein
Herz und eine Seele; heute behaupte ich sogar, dass sie mein "Familienersatz"
wurde. Beide kamen wir auch dahinter, dass der Herr oder wer auch
immer es so bestimmt hatte, dass nicht jeder menschliche Körper
von der Beschaffenheit her wie der andere ist. Obwohl es in diesem
Alter nur ein Unterschied war. Es war faszinierend für uns,
diesen anderen Teil des Körpers näher unter die Lupe zu
nehmen. Wir sahen uns gegenseitig beim Pissen zu und ich durfte
sie auch da unten berühren. Das war alles etwas, das uns schon
zu jener Zeit unheimlich gefiel. Monika fand es gar nicht so cool,
dass ich etwas hatte, das sie nicht besaß und das man auch
noch in die Hand nehmen konnte. Monika traf ich dann viele Jahre
später wieder, als wir zu Besuch waren. Ich war inzwischen
16 und sie im gleichen Alter. Wir sprachen auch über diese
alten Zeiten und hatten einen tierischen Spaß miteinander.
Nur ließ sie mich nicht mehr unter ihr Höschen greifen.
Das fand ich wiederum nicht so cool.
Nun gut, eines Tages wurden wir von meinem Vater erwischt, als
ich gerade ihr Teil näher mit meiner Hand erforschen wollte.
Er kam nicht dazu, sondern er beobachtete uns. Es war im Leiterschuppen
meines Opas. Der Leiterschuppen war an die Rückseite des Materialschuppens
angebaut, war ca. 10 - 12 m lang und beherbergte die langen Leitern,
die die Dachdecker zu ihrer Arbeit benötigen. Monika hatte
ihr Höschen an den Knien und ich spielte mit ihrem kleinen
Kätzchen, als ich plötzlich meinen Vater hinter der Scheibe
erblickte, die den Leiterraum vom Schuppen trennte. Er kam nicht
herein. Er sagte nichts. War plötzlich wieder wie vom Erdboden
verschwunden. Abends in unserer Küche gab es dann eine riesige
Tracht Prügel, die ich lange nicht verstand. Ich verstand sie
aus dem Grund nicht, weil ich für etwas bestraft wurde, das
meine Eltern selbst in ihrem Bett miteinander taten, wenn auch etwas
anders und intensiver mit allen möglichen seltsamen Verrenkungen.
Mutter schnurrte und Vater grunzte. Lustig war das für die
beiden. Und ich habe sie bis heute im Glauben gelassen, der Bub
hätte geschlafen. Meistens ja, aber doch nicht immer. Ergebnis
war, dass ich noch verschlossener wurde. Aber meine Achtung und
Bewunderung des weiblichen Geschlechts habe ich bis heute behalten.
Dank Monika, meiner ersten Freundin.
Die Tage schleppten sich dahin. Es wurde Frühling. Sommer.
Herbst. Winter. Wie jedes Jahr. Wir hatten im Winter sehr viel Schnee.
Im Sommer viele sonnige Tage. Manchmal spazierten wir mit Freunden
meiner Eltern durch die nahen Wälder oder marschierten zur
Flöha nach Grünhainichen-Borstendorf, wo meine Tante Elfriede,
die frühere Lazarettschwester mit ihrem Kurt und Tochter Marion
in der Papierfabrik Arbeit und auch Wohnung in einer alten Villa
gefunden hatten. Wir badeten in dem damals Kristall klarem Wasser
des kleinen Flusses. Ich fand auch schnell Anschluss zu anderen
Jungs aus dem Gelände der Fabrik, die mit ihren Eltern oder
meistens zu der Zeit mit ihren Geschwistern ebenfalls hier wohnten.
Richtig angefreundet hatte ich mich mit einem Rabauken aus dem Nachbarhaus,
der auch noch mit der Familie meines Onkels Helmut dem Dachdecker
verwand war. Es war geil zu der Zeit und wir wurden richtige Freunde.
Auch lange Zeit später noch, wenn ich mal wieder in der alten
Heimat zu Besuch war, trafen wir uns.
1957 wurde ich in die Schule unseres Ortes eingeschult. Anfangs
hatte ich auf Schule und Stillsitzen keinen Bock. Aber das Erlernen
des Schreibens und Lesens faszinierte mich schon bald. Deutsch wurde
ab dieser Zeit zu meinem Lieblingsfach. Für Rechnen und viele
andere Fächer hatte ich dann lange Jahre nicht viel übrig.
Außer malen oder zeichnen, wie man es heute Nennt. Nein, heute
sagt man Kunstunterricht dazu.
Irgendwann in der Zeit zwischen 1955 und 1957 besuchte mein Vater
dann den protestantischen Kirchentag in Frankfurt am Main. Er und
meine Mutter sangen im Kirchenchor unseres Ortes und so musste sich
daraus auch die Reise meines Vaters ergeben haben. Zu jener Zeit
war das auch noch nicht so kompliziert, da die Grenze zwischen dem
Ost- und Westsektor noch nicht geschlossen war.
Im November 1957 gab es dann plötzlich eine allgegenwärtige
Spannung und Unruhe bei uns im gesamten Haus. Große Kisten
wurden gezimmert und unsere Wohnungseinrichtung darin verstaut.
Die Frauen des Hauses liefen den ganzen Tag heulend durch die Gegend.
Ich begriff von alldem nichts; nur, dass wir eine Reise antreten
wollten. Komisch daran fand ich nur, dass wir sonst bei Reisen in
die Stadt oder zu Verwanden in Dresden und Bautzen immer alle recht
fröhlich waren.
Im November 1957 siedelten wir dann mit allem was wir hatten und
mit staatlicher Genehmigung der Deutschen Demokratischen Republik
in das Saarland über, das zu diesen Tagen noch unter französischer
Verwaltung stand.
Ich wurde NICHT gefragt, ob ich weg wollte!
Ich wurde NICHT gefragt, ob es mir etwas ausmacht, dass ich Opa,
meinen Onkel Helmut und seinen Sohn Günter nicht mehr auf dem
Weg zu ihrer Arbeit begleiten durfte.
Ich wurde NICHT gefragt. NIE!
Der November 1957 war der Monat, der mein Leben total veränderte.
Und nicht nur meine Umgebung!...
Meine Kindheit und Jugend im "Westen"
Im Saarland war alles anders, als ich es bisher gewohnt war. Es
wurde nicht nur eine "andere" Sprache gesprochen (Anm.:
der saarländische Dialekt), sondern die Leute waren auch alle
viel hektischer und selbstbewusster als im Osten. In der Schule
war ich allgemein nur der Flüchtling, obwohl wir die DDR auf
legalem Weg verlassen hatten. Ich wurde zu einem Außenseiter,
der als einziger Junge am Anfang neben einem Mädchen sitzen
musste und sich in eine Traumwelt zurückzog, die ich mir als
Fluchtburg schuf. In der Schule nichts als Stress. Nicht, dass ich
nicht mitkam, sondern die Unterrichtsmethode war einfach ganz anders
und nicht so auf den Einzelnen eingestellt. Meine Lieblingsfächer
waren nach wie vor Deutsch und es kam noch Malen hinzu. Also, alles
kreative Fächer. So schrieb ich auch mal einen Aufsatz, der
sich über fast vier Schulhefte hinzog. Der Titel ist mir auch
heute noch bekannt: Ein Tag im Leben der Mammutjäger in der
Steinzeit. Wo andere Mitschüler mit Müh' und Not eine
Seite im Heft voll geschrieben hatten, waren es bei mir wie schon
erwähnt deren fast vier ganze Hefte. Geschrieben hatte ich
den Aufsatz nachts im Bett bei Kerzenschein, weil ich tagsüber
meiner Mutter erzählte, dass ich keine Schularbeiten hatte.
Der Aufsatz schlug in der Schule ein wie eine Bombe. Er ging an
sämtlichen Schulen in der Umgebung rum und wurde sogar meines
Wissens an den das Schulamt des Saarlandes geschickt. Mein damaliger
Lehrer bekniete meine Eltern, dass sie mich auf die Oberschule schicken
sollten. Aber darauf hatte ich keine Lust und wehrte mich mit Händen
und Füßen.
Beschissen war in der Zeit auch, dass mein Verhältnis zu meinen
Eltern durch das Herausreißen aus meiner Heimat einen tiefen
Graben bekommen hatte, der von Tag zu Tag größer wurde.
Wir entfernten uns immer weiter voneinander. Die Schwierigkeiten
in der Schule wurden immer dramatischer. Jedes mal wenn irgendjemand
etwas ausgefressen hatte, hieß es gleich "Gernot, nach
vorn!" Meistens endete das immer mit einer Tracht Prügel,
wobei der Rohrstock ganz schöne Sprünge auf meinem Arsch
vollführte. Ich verstand die Welt ein zweites Mal nicht mehr,
denn ich wurde für Dinge bestraft, die ich gar nicht getan
hatte oder die für mich selbst nichts Bösartiges darstellten.
Mit zwei Jungs aus der Klasse hatte ich mich etwas angefreundet, der eine war ein gewisser H. Keller (???), der am Ende der Holzer Strasse auf der linken Seite wohnte, wo es rechts nach Holz abging. Der andere wohnte ebenfalls in der Holzer Strasse und war der Sohn eines Bäckers mit eigener Bäckerei ebenfalls in der Holzer Strasse, W. Krumm.
Dann lernte ich noch einen Typen kennen, der ebenfalls in der Holzer Strasse, schräg gegenüber von der Bäckerei Krumm wohnte.
Er war als schlimmster Rabauke an der gesamten Schule bekannt, hatte weder vor Gott und dem Teufel Angst.
Alle hatten "Muffe" vor ihm. Ich glaube er hieß Hans, aber da bin ich mir nicht mehr
ganz sicher. Er hatte zwar nicht all zu viel im Kopf, aber dafür
umso mehr in den Muskeln. Außerdem hatte er mit 12 schon einen
recht ordentlichen Bartwuchs und sah aus wie 20.
Eines Tages, ich
stand wieder gebeugt über der ersten Schulbank, der erste Hieb
mit dem Stock federte noch nach, riss ich mit dem Mut der Verzweiflung
dem Lehrer den Rohrstock aus der Hand und polierte ihm derartig
die Fresse damit, dass ihn die Narben bestimmt heute noch manchmal
jucken, wenn er noch leben sollte. Es war aber nicht unser Klassenlehrer und auch nicht der Rektor, der uns Rechnen lehrte und die blöde Angewohnheit hatt, mit daumen und Zeigefinger immer in die Backen zu petzen und selbige dann zu drehen. Nein, es war ein Aushilfslehrer, weil unser Lehrer länger krank war oder so ähnlich.
Losgelöst von aller Wut
rannte ich wie ein Wahnsinniger aus der Schule, lief von unserem
Ort ca. 25 km nach Saarbrücken und versteckte mich in den Parks
der Stadt und den nahe liegenden Wäldern. Ich hatte zu dieser
Zeit das erste Mal die Schnauze voll von der Ungerechtigkeit in
der Welt. Meinen Hunger und Durst stillte ich durch Einbrüche
in Gartenlauben ode3r Diebstählen in Geschäften. Irgendwann
von einer Bekannten meiner Eltern in Saarbrücken aufgegriffen,
zurückgekehrt ins Elternhaus, wurde ich danach der "Held"
der Schule und fand relativ guten Anschluss an den "harten
Kern" unserer Klasse.
Ich schloss mich zu dieser Zeit auch einer "Straßengang"
an, die in unserer Straße beheimatet war und der Schrecken
der umliegenden Dörfer und Gemeinden war. Wir nannten uns die
"Sießschmier Bande". Im Saarland bezeichnet man
mit Sießschmier die Marmelade, und weil es in unserer Straße
so viele Gärten hinter den Häusern gab und auch sehr viele
Beeren darin wuchsen, wurde halt in der damaligen Zeit noch sehr
viele Marmelade gekocht. Aus diesem Grund wurde dann aus der Maria-Theresien-Straße
in Heusweiler-Dilsburg die Sießschmier Straße. Um mir
in der Bande noch mehr Achtung zu verschaffen, verschenkte ich fast
die gesamte wertvolle Briefmarkensammlung meines Vaters an die Führungsjungen
der Gang. Ich klaute meinen Eltern dann auch das erste Mal Geld,
kaufte vier oder fünf Luftgewehre und wir waren die absoluten
Kings der Straßengangs. In guter Erinnerung bleibt mir dabei
auch heute noch eine "Schlacht" gegen einen Nachbarort,
der uns mit seiner Truppe immer das Leben zur Hölle machte.
Wir trommelten alles zusammen was wir mobilisieren konnten. Mit
einem gewaltigen "Heer" von fast 100 bis 150 Jungen lockten
wir den Nachbarort in einen Hinterhalt und wüteten dann wie
Attila mit seinen Hunnen. Wir wurden nie mehr von irgendjemand belästigt.
Na ja, außer man ließ sich allein irgendwo blicken,
wenn einen die Mutter zum Einkaufen schickte. Dann konnte es schon
passieren, dass es als Belohnung noch ein paar Hiebe von Mitgliedern
einer anderen Gang gab, wenn sie einen erkannten.
Durch die Diebstähle bei meinen Eltern und das Auflösen
der väterlichen Briefmarkensammlung wurde das Verhältnis
zu Hause immer angespannter. Meine Eltern hatten eine gewaltige
Last mit mir, und sie bekamen mich immer weniger in den Griff. Der
Leidtragende war mein Bruder, weil sie bei ihm erzieherisch das
verbessern wollten, was an mir falsch gelaufen war. Außerdem
hatte sich mit der Zeit ein derartiger Hass auf ihn gesammelt, den
ich ihm bei jeder treffenden Gelegenheit spüren ließ.
Sorry, Bruder, aber Du kennst die Story; und Du weißt heute
auch, wie leid mir der ganze Scheiß auch heute noch tut. Aber
zur damaligen Zeit war das echt schlimm und ich weiß es bis
heute noch nicht, warum ich so gehandelt habe. Ich habe ihm wehgetan
wo ich nur konnte. Habe ihn geschlagen, verspottet, angespuckt.
Unerklärlich! Zu mal ich mir immer eine Bezugsperson gesucht
hatte, fand ich sie in meinem Bruder nicht.
Eine Freundin hatte ich auch nicht. Nicht mal ein Mädchen,
mit welchem ich mich einfach nur verstand. Esa lag aber vielleicht
auch daran, dass ich neben einem Girl in der Schule sitzen musste,
wofür mich die anderen Kinder oder zumindest ein paar davon
öfters hänselten. Mir fehlte jemand wie Monika. Aber die
Weiber meiner Klasse waren alle ziemlich hohl oder zumindest hielt
ich sie seinerzeit dafür.
Mit 12, Anfang 13 fand ich dann heraus wie ich an die Haushaltskasse
meiner Eltern kam. Da die Tür zum Schlafzimmer von innen verschlossen
war, und sie den Schlüssel vom Wohnzimmer aus immer mitnahmen
wenn sie mal etwas zu erledigen hatten, kam ich eines Tages auf
eine Idee.
Mir war es mal wieder zu langweilig zu Hause. Nichts als Ärger.
Null Bock auf alles, wie man es heute so treffend formuliert.
Außerdem wollte ich mal wieder eine andere Gegend kennen lernen.
Bei der Polizei unseres Ortes war ich inzwischen auch schon Stammgast.
Nicht nur wegen kriminellen oder gesetzwidrigen Handlungen (Mundraub,
Sachbeschädigungen, Diebstähle), sondern weil sie mich
sehr oft als Ausreißer suchen mussten.
Ich kam also, um an das Geld für eine längere Reise zu
kommen, auf die Idee, mit Hilfe eines Schraubenziehers und einer
Zange, wie ich die Schlafzimmer vom Flur aus öffnen konnte.
Ruck zuck war die Schlossverblendung abgeschraubt, den Schlüsselbart
mit der Zange herumgedreht und die Tür war offen. Mit ca. 400
DM verschwand ich aus dem Haus, fuhr mit dem Bus nach Saarbrücken
an den Hauptbahnhof und besorgte mir eine Fahrkarte nach Hamburg.
Hamburg aus dem Grund, weil ich im Fernsehen bei einem Freund einen
Film über Hamburg gesehen hatte, der mich wahnsinnig faszinierte.
Das Tor zur Welt. Die vielen fremden Schiffe im Hafen. Da wollte
ich hin und mit einem Schiff die Weiten des Meeres neu entdecken.
Ich kam auch in Hamburg gut an, aber nach ca. einer bis zwei Stunden
hatte mich die Polizei aufgegriffen. Ich kam in ein Auffangheim
für aufgegriffene Aufreißer und wurde von meinem Vater
mit dem Zug wieder abgeholt. Zu Hause gab es dann die Prügel
meines Lebens. Mit einer zusammengerollten Wäscheleine aus
ein cm dickem Strick schlug mir mein Vater die Seele aus dem Leib.
Das war das Ende einer Beziehung, die bisher kaum hundertprozentig
stattgefunden hatte. Die Prügel war so gewaltig gewesen, dass
mich am nächsten Tag der Lehrer in der Turnstunde zu sich rief
und nach der Herkunft der Blutflecken fragte, die sich auf dem Rücken
abzeichneten. Von mir erhielt er aber keine Antwort. Aus diesem
Grund wurde er dann abends bei meinen Eltern vorstellig. Das Gespräch
verlief teilweise ganz schön heftig, wie ich aus meinem Zimmer
hören konnte. Die Polizei wurde vom Lehrer auch eingeschaltet.
Aber das weiß ich heute nicht mehr so genau.
Zwei Ereignisse gibt es aus diesen Tagen noch zu berichten, die
mich auch nachhaltig sehr geprägt haben und zu meiner weiteren
Entwicklung beitrugen. Zum einen war es der ca. 20 jährige
Bruder eines Schulfreundes, der mich, als ich seinen Bruder besuchen
wollte, der aber nicht da war, sexuell befummelte und sich dabei
einen abwichste. Das geschah dann noch mehrmals im Laufe eines halben
Jahres mit der Androhung, dass er mich töten würde, wenn
ich zu irgendjemand darüber sprechen würde. Dies war im
Jahre 1961, als ich 11 Jahre alt war. Daran habe ich mich auch bis
zu meinem 15. Lebensjahr gehalten, und es erst dann einem Kinderpsychologen
erzählt, den ich in einem Kinderheim kennen lernte und der
lange, lange Jahre zu einem sehr direkten Vertrauten von mir wurde.
Nicht aus Angst habe ich so lange geschwiegen, sondern mehr aus
Scham, denn es war mir aus heutiger Sicht verdammt peinlich. Später
hatte ich des Öfteren noch Verhältnisse mit Männern,
um mir Geld zu verdienen. Aber in den Arsch hat mich bis heute noch
keiner gefickt und so soll es auch bleiben. Aber das mit den Männern
hat sich von selbst relativ schnell gelöst, seit ich Bekanntschaft
mit der Weiblichkeit gemacht hatte.
Die zweite Erfahrung fand in meinem Zimmer in der elterlichen Wohnung
statt. Es war auch entscheidend dafür, dass Sex zu meiner Lieblingsbeschäftigung
wurde und ich nichts Schöneres als den weiblichen Körper
kenne. Sie hieß Doris, war so zwischen 17 und 18 und die Enkeltochter
unserer Vermieter. Es war an einem Sommerabend, meine Eltern waren
mit ihren Großeltern auf einer Veranstaltung im Ort, ob mein
Bruder bei Bekannten war kann ich heute auch nicht mehr sagen. Wir
waren zumindest allein im Haus. Ich war 13 und lag in meinem Bett,
als plötzlich die Tür aufging und Doris in meinem Zimmer
stand. Sie trug einen Bademantel, roch nach Alkohol und Parfum und
stand auch nicht mehr ganz sicher auf den Beinen. Sie legte sich
wie selbstverständlich zu mir ins Bett und begann mich zu streicheln.
Dabei verrutschte ihr Bademantel derartig, dass ich ihre Brust und
den dunklen Schatten in ihrem Schoß sehen konnte. Ich lag
wie erstarrt und traute mich nicht, mich zu bewegen. Sie fragte
mich, ob ich schon einmal eine nackte Frau gesehen und berührt
habe. Ich hatte bis dato zwar schon ein paar Bilder von Aktaufnahmen
gesehen, aber dies war in diesem Moment die Realität. Ich träumte
es nicht, denn ich konnte es sehen, riechen und fühlen, dass
da eine lebendige Frau neben mir lag und ihre Hände über
meinen Körper gleiten ließ. Sie legte sich entspannt
zurück, öffnete den Mantel ganz und lag in ihrer ganzen
Schönheit vor mir. Das ist also eine Frau nackt! stellte ich
in meinen Gedanken fest und konnte kein Auge von ihrem Körper
lassen...
In diesen späten Abendstunden erfuhr ich es zum ersten Mal
wie es ist, wenn ein heterosexuelles Paar zusammenkommt. Und ich
war so lernbegierig. Und ich war so aufnahmefähig. Und ich
war soooooo verliebt in Doris mit den langen schwarzen Haaren, den
kleinen runden Brüsten und den vielen dunklen Haaren in ihrem
feuchten Schoß. Das war auch der Tag, an dem ich an etwas
Gefallen fand, das meine Phantasie genauso anregte wie das Schreiben,
das zu einem gewissen Bestandteil meines Lebens wurde. In dieser
Nacht passierte auch etwas, das mein ganzes Sein bis heute begleitete:
die Achtung und Anbetung der Frauen. Für mich ist eine Frau
nicht nur ein Geschöpf, ein Körper, ein Liebchen. Für
mich ist die Frau die Vollendung der Schöpfungsgeschichte.
Ich liebe den Körper einer Frau über alles in der Welt,
denn er strahlt Anmut, Entzücken und Ekstase in mir aus. Gewiss,
gewiss, wird es jetzt eine Reihe von so genannten Schlafzimmermachos
und Bettegoisten geben, die da gewaltig protestieren und aufschreien,
mich einen Verräter der männlichen Grundsätze schimpfen.
Aber was wollt ihr eigentlich, ihr Egogesteuerten Schnellficker
ohne Phantasie, Gefühl und Achtung vor der Weiblichkeit. Eure
Selbstbefriedigung ist nichts anderes, als die Handlung, die ihr
an den Frauen ausführt. Wenn es euch EINMAL gelingt, jeden
Quadratzentimeter eines weiblichen Körpers zu erforschen, zu
erfühlen, zu ertasten und die Schönheit daran zu erkennen
und in euch hineinzusaugen, dann habt ihr einen Teil der Evolution
verstanden, der da lautet: LIEBE. Seit diesem Tag liebe ich auch
da Zungenspiel, in der Fachsprache Cunnilingus genannt. Ich bin
bis heute ein Fan davon, eine Frau mit meiner Zunge zu befriedigen
und liebe den Geruch, den Geschmack und die Zartheit einer weiblichen
Scheide.
Mit Doris gab es diese Art der Begegnung nur einmal, aber sie war
der Start zur Verschönerung meines Lebens. Wenn es auch noch
einige Zeit dauern sollte, bis etwas Derartiges öfters vorkam.
In dieser Zeit brach ich auch bei einem Arztehepaar ein, welches
mit meinen Eltern und meiner Großmutter Frieda befreundet
war, und ich klaute deren Sohn, einem Waffenfreund mit Zimmer im
Souterrain, eine Pistole P 08 aus dem zweiten Weltkrieg, die er
an der Wand hängen hatte. Die P 08 war eine faszinierende und
geile Waffe, die mich schon immer interessiert hatte, als ich beim
Sohn ab und zu mal im Keller war, wenn wir die Arztfamilie besucht
hatten und deren Sohn mir die einzelnen Waffen an der Wand erklärte.
Da waren auch noch andere Pistolen und Revolver, aber mir hatte
es nur die P 08 angetan, die ab 1930 von der Firma Mauser hergestellt
wurde. Sie hatte ein Gewicht von 0,877 kg, eine Länge von 222
mm und ein Kaliber von 9 x 19 mm Parabellum. In Erinnerung ist mir
das ganze noch, weil ich eingebrochen war, während ein Stockwerk
drüber der Arzt mit seiner Familie und Freunden beim Feiern
war, der Sohn mit dem Schäferhund nach Hause kam und der Hund
gemerkt haben musste, das da etwas nicht stimmt. Er wollte laufend
in den Keller, aber der Sohn ließ ihn nicht, wie ich an den
Befehlen dem Hund gegenüber vernehmen konnte. Da ich keine
Munition für die Waffe ergattern konnte, habe ich sie dann
bald wieder an einen älteren Schulkameraden für einen
Stapel Comichefte eingetauscht. Prinz Eisenherz, Fix & Foxi
und Walt Disney waren angesagt.
Meine Eltern bekamen mich mit der Zeit kaum noch in den Griff,
meine Herumtreiberei wurde immer häufiger und so kam es wie
es kommen musste. Ich wurde in ein Kinderheim bei Kaiserslautern
eingeliefert, welches von einer amerikanischen Garnison in Kaiserslautern
unterstützt wurde. Hier blieb ich nicht lange, denn auch die
bekamen mich nicht unter Kontrolle. Erinnern kann ich mich noch
an ein kinderloses amerikanisches Ehepaar, mit und bei denen ich
mich sau wohl fühlte. Die wollten mich adoptieren und mit nach
Amerika nehmen. Aber meine Eltern, die Heimleitung oder wer auch
immer dafür verantwortlich zeichnete, gab dazu keine Erlaubnis.
So schlitterte ich wieder mal sehr knapp an der "Freiheit"
vorbei.
Von dieser Institution kam ich dann in ein heilpädagogisches
Kinderheim nach Oberotterbach bei Bad Bergzabern / Rheinland-Pfalz.
Hier blieb ich ca. ein Jahr oder etwas länger bis zu meiner
Schulentlassung im Jahre 1965. Die Leitung dieses Heimes hatte ein
gewisser Diplompsychologe Dr. Friebel aus Speyer. Zu ihm hatte ich
nach langer, langer Zeit das erste Mal wieder Vertrauen zu einem
Menschen gefunden und er wurde mein Vater-, Bruder- und Freundersatz
für viele, viele Jahre.
In diesem Heim blieb ich auch ohne einmal die Flucht zu ergreifen.
Außerdem war es auch eine irre Zeit, da es ein gemischtes
Heim für Jungen und Mädchen war. Wir als Jungs hatten
fast alle schon die Pubertät hinter uns, die Schwänze
juckten mehrmals am Tag und standen wie ein Fahnenmast in der Hose.
Die Mädchen waren wohl geformt und die meisten hatten schon
Ahnung vom körperlichen Kontakt mit dem anderen Geschlecht;
sonst wären sie wahrscheinlich auch nicht im Heim gelandet.
Schnell waren die Paare gefunden und wir wussten uns schon die Zeit
zu vertreiben. Es blieb auch nicht nur beim Petting, sondern es
wurde auch zu dieser Zeit schon kräftig am Kamasutra geübt.
Es war eine schöne und irre Zeit, in der es auch zwei junge
Erzieherinnen gab, die mehr als einmal unseren Schwanz zu kosten
bekamen, bis das ganze dann irgend wann mal aufflog, weil sich so
eine Tussi, die ebenfalls als Klient im Heim war, bei einer Therapiestunde
ihrem Erzieher gegenüber verplapperte.
Nach der Schulentlassung und der Konfirmation ging es dann wieder
zurück nach Saarbrücken zu meinen Eltern. Ich begann eine
Lehre als Bauzeichner, was mir aber nicht gefiel, weil der Chef
so ein Arschloch war. So war es auch danach bei meiner Lehre zum
Karosseriebauer in einem Opelautohaus. Danach begann ich eine Lehre
als Schlosser. An dieser Arbeit hatte ich meinen Gefallen, aber
die Lehre wurde dann beendet, weil der Chef keinen Meister hatte,
der Lehrlinge ausbilden durfte. Schade!
Zu jener Zeit lernte ich auch meinen Freund Roger kennen.
Ja, dieser Mensch ist eigentlich der Dreh- und Angelpunkt meines
Lebens. Er war ein Wesen, eine Fabel, eine Legende. Er war weder
Freund, noch Kamerad, noch Bruder. Er war ein Teil meiner selbst.
Ein Teil meiner Seele, meines Denkens, meines Fühlens.
Dass er nicht als Roger getauft wurde, muss hier nicht extra erwähnt
werden. Aber ich werde auch hier in keiner Weise seinen richtigen
Namen erwähnen. Allen war er nur als Roger bekannt. Außerdem
hat jeder das Recht auf Anonymität.
Ich lernte ihn durch einen anderen Bekannten ca. zu der Zeit kennen,
als ich aus dem Kinderheim in Oberotterbach/Pfalz nach Saarbrücken
zurückkehrte. Roger wohnte ebenfalls in Saarbrücken und
nicht weit von meinen Eltern entfernt. Seine Eltern kamen ebenfalls
aus der damaligen DDR, und Roger hatte noch fünf Geschwister.
Zwei Brüder und drei Schwestern. Mit der Zeit war ich mehr
bei ihm zu Hause als bei uns. Von der Art her war er mir sehr ähnlich
und der Sender zwischen uns wurde mit der Zeit immer stärker.
Wir waren - wie man es so schön formuliert: ein Arsch und eine
Seele.
Richtig und "unzertrennlich" wurden wir aber erst nach
meiner Rückkehr von der Seefahrt, als ich in der Saarbrücker
Szene Fuß gefasst hatte und bei RS Rindfleisch, dieser saarländischen
Kultband als Roadie eingestiegen war.
Roger lernte zu der damaligen Zeit noch in einer Elektrofirma als
Lehrling, wenn ich mich heute noch recht erinnere. Und: ich bewunderte
ihn irgendwie schon, wie er das Arbeitsleben mit dem geilen Leben
als Freak, Hippie oder wie man es bezeichnen möchte in den
Griff bekam. Egal wie spät oder früh es auch immer wurde,
Roger fand am nächsten Morgen seinen Weg in die Firma, um seine
Stunden abzureißen und die Lehre zu Ende zu bringen.
Es gab ein paar Leute, die Roger für einen arroganten Arsch
hielten, aber das waren meistens solche, die sich nicht näher
mit ihm beschäftigt hatten und ihn nicht richtig kennen lernen
wollten.
Zugegeben, Roger war ein zynischer Spaßvogel vor dem Herrn,
aber nicht jeder konnte mit seinem Humor umgehen, der mich rückblickend
stark an den englischen Humor von Mr. Bean oder auch von Monty Python
erinnerte. Er war ein Mensch, der sich mit ganzem Herzen und der
unendlichen Sehnsucht nach Freiheit ins Leben warf. Zugegeben, das
Elternhaus war altmodisch und bürgerlich, wie auch das meinige
und der Wille aus diesem Mief des Kleinbürgertums auszubrechen,
war genau so gigantisch wie bei mir. Auch ihn hatte man aus seiner
Heimat ins Saarland geschleudert.
Roger wurde mit der Zeit immer mehr zu einem zentralen Mittelpunkt
meines Lebens. Ja, ich kann sogar behaupten, dass ich ihn liebte.
Nicht sexuell oder wie eine Frau, aber so intensiv und unwahrscheinlich
offen. Mit ihm konnte ich über alles quatschen, über alles
diskutieren. Er war der Dreh- und Angelpunkt meines Zentrums.
Mit dem Arbeitsleben eines "Otto Normalverbrauchers"
hatte ich eigentlich nie einen direkten Bezug. Entweder ich fühlte
mich irgendwo wohl oder ich warf nach kurzer oder längerer
Zeit die Brocken hin.
Ich arbeitete bei den unterschiedlichen Firmen der Getränke-,
Bau- und Elektrobranche. Hier stimmte wenigstens die Kohle, aber
die Leute waren mir irgendwie alle zu gewöhnlich. Ihre Lebenserfahrung
bestand nur aus Gartenverein, Hasenzucht, Saufen und dumpfen banalen
Gesprächen über allen möglichen Scheiß, den
keine Sau interessierte. Am allerwenigsten mich.
Ich begann wieder mit meinen Reisen. So unter anderem nach Paris,
wo ich fast ein viertel Jahr auf der Straße, in Hotels oder
bei Freunden unterkam. Es war die Zeit, die mein Leben entschieden
mit gestaltet hatte. So lebte ich einige Wochen mit Clochards (bei
uns nennt man sie abfällig Penner oder Schmarotzer) unter den
Brücken der Seine. Ich jobbte in den Markthallen, als Aufpasser
in Bordellen oder als "Mädchen-Für-Alles" in
verschiedenen Clubs, Bars oder Parkhäusern. Ich lernte in diesen
Tagen auch ganz besonders durch meinen Umgang mit den vorhin genannten
Clochards, den Prostituierten und den vielen Künstlern aus
Malerei, Musik, Film und Kabarett eine Welt kennen, die so total
zu meiner Phantasie passte. Seit diesen Tagen sind Prostituierte,
Gestrauchelte des Lebens und fremdrassige Menschen ein Teil meines
Seins geworden. In der Liebe erhielt ich meine "Ausbildung"
in allen Nuancen des körperlichen Wohlbefindens. Ich wurde
ein Mensch, der langsam lernte, die Welt mit anderen Augen zu sehen.
Tiefgründiger vor allem. Und ich erhielt eine Ausbildung als
Einbrecher. Lernte Autos zu knacken, Türen und Fenster. Eine
Zeit lang zog ich auch mit einem Typen durch die Metrostationen.
Er sang und spielte Gitarre, ich verkaufte selbst gemalte Bilder.
Ich bin mir auch heute noch ziemlich sicher, das dieser Typ der
spätere Star Michel Polnareff war. Als ich ihn das letzte Mal
sah, begleitete ich ihn zu einer Plattenfirma, die ihn unter Vertrag
nahm. Danach haben wir uns nie wieder gesehen. Mindestens nicht
persönlich.
Aus Paris zurückgekehrt, lebte ich dann eine Zeit in München,
wo ich mit Hippies und Gammlern im Englischen Garten am Monopterus
(eine Kultstätte dieser eben genannten Generation) übernachtete
und später einen Job als Hausmeistergehilfe im BIG APPLE erhielt.
Das BIG APPLE war ein Rockladen mit live Auftritten in Schwabing.
Hier gab es geile Konzerte und geile Bräute. In München
verdiente ich mir auch eine schöne Stange Geld damit, dass
ich mich in der Homoszene aufhielt und für gutes Geld den Freiern
die Nudel polierte. Einige oder auch viele werden das jetzt eklig
finden, aber there is no buisness like showbuisness... Und: wenn
manche wüssten, mit wem ich es da alles zu tun hatte. Außerdem
gab es gut Asche und ficken war eh nicht drin.
Nach München war dann Berlin angesagt. Hier lebte ich fast
nur von Einbrüchen, Ladendiebstählen, Gelegenheitsjobs
und suchte mir Freier in der Homoszene. Da zu muss ich an dieser
Stelle auch etwas loswerden. Ich war und bin nie ein Homosexueller
gewesen oder hatte sehr starke Ambitionen in diese Richtung. Doch
ich habe auch nie Berührungsängste mit Schwulen gehabt.
Vielleicht lag es auch an meinem damaligen Erlebnis mit dem Bruder
eines Klassenkameraden, der mich sexuell befummelt hatte. Wenn ich
mir heute so diese verlogene Moral über Sexualität etc.
ansehe, dann kommt mir das große Kotzen. Wer von den vielen
Hasenhirnen, die da nach Vergasung schrieen, nach "alle machen"
und "Rübe runter". Wer von all denen hat sich je
die Mühe gemacht, mit einem Homosexuellen ins GESPRÄCH
zu kommen? Aber draufhauen auf die Fresse. Da sind sie alle so stark.
Von nix 'ne Ahnung, aber die Fresse aufreißen...
In meinem bisherigen Leben habe ich sehr viele Homos und Lesben
kennen gelernt und ich kann nur sagen, dass viele dieser Menschen
sehr liebenswert, intelligent und hilfsbereit sind. Ich hasse diese
banalen Vorurteile, diese Menschen gehörten ins Gas. Pfui Teufel,
ihr Scheiß Moralapostel mit der doppelten Moral.
Irgendwann kam es dann so wie es kommen musste. Noch immer nicht
volljährig, wurde ich in ein Erziehungsheim in die Nähe
von Kulmbach eingeliefert. Aber hier hielt ich es auch nicht lange
aus, nachdem ich es mit einer Erzieherin getrieben hatte. Ich bekam
tierischen Stress mit ihrem Alten, den ich zusammenschlug, weil
er mich schikanierte wo er nur konnte und verschwand abends aus
dem Heim. Zu Fuß lief ich im Winter, bekleidet mit Pullover,
Hosen und Halbschuhen an der Autobahn entlang bis Nürnberg.
Das waren so ca. 110 km. Hier stieg ich am Hauptbahnhof in ein Taxi
und ließ mich zu meinen Eltern nach Saarbrücken fahren.
Mein Vater musste für diese Reise ca. 400.- DM an Taxikosten
zahlen, nachdem er den Prozess verloren hatte. Er hatte dem Taxifahrer
irgendwas unterschrieben, wo er einen rechtsgültigen Handel
abschloss, aus dem er dann auch vor Gericht nicht mehr herauskam.
Ich schaffte es dann, meinen Eltern die Erlaubnis abzuschwatzen,
dass ich in Hamburg die Seemannsschule besuchen durfte, um eine
nautische Laufbahn ein zu schlagen. Scheinbar fanden sie das eine
gute Lösung und waren auch der Meinung, dass das auch meinen
Ferntrieb eindämmen würde. Ich war Mitte 17, als ich die
Reise nach Hamburg antrat. Voller Tatendrang und ausgestattet mit
einer Großen Sehnsucht nach fremden Ländern, fremden
Kulturen. Aber am meisten wollte ich nur einfach weg. Weg von zu
Hause. Weg von meinen Eltern. Weg vom gutbürgerlichen Haushalt
unserer Familie, der eigentlich nie seit dem Umzug in den "Westen"
mein Hafen war.
Meine Zeit in Hamburg und auf See
Ich hab keine Pläne
keine Rendezvous
keine Treffs mit niemand
by Jack Kerouac
Die Seemannsschule Blankenese war, wie der Name schon hergibt,
im Stadtteil Blankenese in einer alten Villa untergebracht. Es herrschte
der alte Drill einer preußischen Kadettenschule, und die Ausbilder
waren immer darauf erpicht, uns nur nicht zu viel Freiheit zu lassen.
Zu dummen Streichen und Blödeleien war kaum Zeit. Die Tage
waren ausgefüllt von Morgens 06:00 Uhr Weck zeit bis abends
21:00 Uhr Schlafenszeit mit Unterricht, Unterricht und nochmals
Unterricht. Erlernen von allem was mit der Seefahrerei zu tun hatte.
Nautik. Schiffskunde. Wetterdeutungen, Seefahrtskarten erstellen
und lesen können, Das Erlernen der unterschiedlichsten Seemannsknoten
und meine "Lieblingsbeschäftigung" das Spleißen.
Für die, die mit diesem Begriff nichts anzufangen wissen, sei
er hier kurz erklärt.
Unter Spleißen versteht man die bruchfeste, dauerhafte Verbindung
bzw. Reparatur von Faser- und Drahttauwerk durch Verflechten der
einzelnen Kardeele. Dies wird bei Draht gut mit Hilfe eines Marlspiekers
– bei stramm sitzendem anderen Gut meist eines Hohlspiekers
– bewerkstelligt. Der Takler kennt verschiedene Arten von
Spleißen: Augspleiß, Langspleiß, Kurzspleiß
und Rückspleiß (Endspleiß).
Beim Augspleiß wird das Ende des Tauwerks so in den Tampen
eingearbeitet, dass ein Auge entsteht. Dieses ist wesentlich belastbarer
als eine geknotete Schlinge. Einen solche Trosse wird z. B. für
die Vertäuung von Schiffen benutzt, wobei das Auge über
einen Poller gelegt wird um so eine Verbindung zwischen Schiff und
Kai oder Pier herzustellen oder – frei im Hafenbecken liegend
– zu einem Duckdalben.
Unter Dalben (der), auch Duck-, Duk- oder Dückdalben, versteht
man in den Hafengrund eingerammte Pfähle zum Befestigen von
Schiffen.
(Quelle der Erklärung: http://de.wikipedia.org)
Es war ein harte Zeit in der Seemannsschule, denn militärisch
zu bezeichnender Drill war angesagt. Und unser Ausbilder erinnert
mich heute zurückblickend oft an den Drill Sergeanten aus dem
Film FULL METAL JACKET, der "Private Paula" das anfängliche
Leben in der Army zur Hölle machte.
Ab und an gab es natürlich auch an den Wochenenden mal Ausgang.
Meistens an den Samstagen da man ja am Montag wieder um 06:00 Uhr
durch die grelle Seemannspfeife aus dem meist feuchten Traum gerissen
wurde.
Der Ausgang bestand meistens darin, dass wir uns alle im Hof in
Reih und Glied aufstellen mussten. Der Chef, ein ehemaliger Kapitän
zur See, in Vertretung der erste und zweite Offizier, meistens schon
bei Adolf in der Reichsmarine gedient, ging die Reihe ab und wir
mussten das frisch gewaschenen und genau gefaltete blütenweiße
Taschentuch vorzeigen, unsere blank geputzten Schuhe, die gereinigten
Fingernägel und die Haarlänge, die nicht mehr als zwei
Zentimeter betragen durfte. Die Frisur wurde i m m e r so geschnitten,
als hätte man einen Topf zur Vorlage auf dem Schädel getragen.
Wer gegen irgendetwas verstieß, musste in der Schule bleiben
und Hausarbeiten erledigen, die oft darin bestand, der "gehobenen
Führungsschicht" die Bude zu reinigen, die leeren ausgesoffenen
Getränkeflaschen zu entfernen.
Wir erhielten im Monat - so viel ich noch in Erinnerung habe -
ca. 30 DM Taschengeld. Davon mussten wir unsere Zigaretten selbst
kaufen, unsere Toilettenartikel und dergleichen. So kann man sich
leicht ausrechnen, dass zu großen und im Gedächtnis haften
bleibenden Unternehmungen keine Kohle übrig war.
Meistens trieben wir uns auf der Reeperbahn rum. Stierten die vielen
Nutten an, drückten uns an den Schaukästen der einschlägigen
Etablissements die Nasen platt und ergeilten uns an den vielen,
meist schwarzweißen Bildern, der nackten oder halbnackten
Schönheiten, die die jeweilige Lokalität den unzähligen
Gästen des Kiezes anboten. Nachts gab es dann meistens nach
derartigen Besuchen ein regelrechtes Wettwichsen in unserem großen
gemeinsamen Schlafsaal, wo sich ca. 20 -25 junge Männer den
Verstand aus dem Schwanz wichsten.
Nach einiger Zeit hatte ich mich einer Gruppe von fünf Leuten
angeschlossen, die von den anderen meistens nur die Rebellen genannt
wurden. Wir waren gegen alles und gegen jeden. Am allermeisten gegen
den harten Drill der Schule und die "Schweine" von unseren
Ausbildern.
Eines schönen Tages fanden wir heraus, dass sich in unmittelbarer
Nähe unseres Domizils ein Mädchenpensionat für die
Töchter der Oberschicht befand. Und: alle in unserem Alter.
Irgendwie hatten wir es so gedreht, dass wir mit einigen von ihnen
in Kontakt kamen, als man sich ab und an beim Geländelauf über
die Füße lief.
Es dauerte dann auch nur noch kurze Zeit und wir "Rebellen"
waren nachts öfters im Hühnerstall der jungen Küken
anzutreffen, als in unserem Betten- und Wichssaal. Das war eine
sehr geile und intensive Zeit, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen,
als dem ständigen wiederkehrenden Trott auf unserer Schule.
Sie ließen sich zwar nicht Ficken, aber unsere Phantasie gab
genug Ideen her, um uns gegenseitig, nein, meistens doch egoistisch
einseitig, Befriedigung zu verschaffen.
So kam es wie es kommen musste, und wir wurden nach ein paar Tagen
von der Obererzieherin in den Betten einiger ihrer anvertrauten
Zöglinge in flagranti erwischt. Mit noch steifen Schwänzen
machten wir uns vom Acker oder präziser formuliert, aus dem
Schlafgemach der Töchter einer gewissen Oberschicht unseres
Staates.
Die Moral der Geschichte: wir wurden unehrenhaft und ohne Ausbildungs
Abschluss nach ca. drei Monaten aus der Schule geschmissen. Die
nautische Laufbahn war schneller zu Ende als sie begonnen hatte
und uns blieb nur noch die Möglichkeit als Decksmann einen
Job auf einem der vielen deutschen Schiffe zu ergattern. Als Decksmann
bezeichnet man die Leute, die an Land den Status eines Hilfsarbeiters
ihr Eigen nennen.
Bis zu meinem ersten Schiff verging einige Zeit, die ich jeden
Tag auf der Reeperbahn verbrachte. Ich lernte eine Menge Leute kennen.
Loddel, Huren, Betrüger. Künstler, Boxer, Freaks. Und
jede Menge Seemänner aus aller Herren Länder.
Der Unterricht im Stadtteil St. Pauli - auf der berühmten
sündigen Meile: mit seinen unzähligen Gässchen und
Winkeln, seinen legendären Straßen - wie der Großen
Freiheit oder der Herbertstraße - seinen Kneipen, Bars und
Tattosshops, seinen Huren und Travestiekünstlern, seinen Kultstätten
wie der legendäre STAR CLUB oder das GRÜNSPAN mit seinen
geilen Rockkonzerten von Bands, die heute Kultstatus auf der ganzen
Welt haben - interessierte mich mehr, als das vorherige Erlernen
der unzähligen Seemannsknoten in der Seemannsschule Blankenese.
Ich war oft im Star Club gewesen und hatte mir einige Bands der
damaligen Zeit angehört. Es war anders, es war neu, es klang
fremd. Manches gefiel mir, manches fand ich Scheiße. Ich hatte
meinen Freddie Quinn. Seine Seemannslieder. Seine Blue boys blue
und seine weiße Taube. Aber das sollte sich bald gewaltig
ändern.
Es stank mir gewaltig, dass viele junge Männer meines Alters
auf dem Kitz und den Kultstätten der Musik die Haare viel länger
trugen als die Mehrheit. Nach krampfhaftem Kopf-Zermartern wie ich
genauso aussehen konnte, denn ich trug noch immer meinen militärisch
kurzen Haarschnitt, kam ich auf eine geile Idee. Ich betrat einen
Friseurladen in der Kastanienallee hinter der Davids wache und erkundigte
mich nach dem Preis für das Färben meines wenigen Haupthaares.
Es kostete für meine damaligen Verhältnisse und finanziellen
Mittel ein Vermögen. Ich bat die Friseuse, ausnahmsweise mal
nicht blond, sondern rabenschwarz nach einem Glas Wasser, da mir
übel sei. Die Dame verließ den Laden, um aus dem Aufenthaltsraum
ein Glas zu holen. Kaum war sie außerhalb meiner Sichtweite,
hatte ich auch schon eine schöne dunkelblonde Langhaarperücke
aus der offenen Schaufensterauslage gegriffen und sie unter meinem
Parka verschwinden lassen. Die Lady kam mit einem Gläschen
Schnaps zurück. Ich trank es mit einem Zuge leer, um meine
Nervosität etwas zu bekämpfen. Man konnte ja nie wissen,
ob nicht gerade jemand mein Tun von draußen beobachtet hatte.
Ich stammelte noch etwas von "muss ich mir noch mal alles durch
den Kopf gehen lassen" und verzog mich schleunigst vom Tatort.
In einem Fotoautomaten probierte ich das billig erstandene Teil
an, steckte ein paar Münzen für Passbilder in den Geldschlitz
der Fotomaschine und war begeistert über mein neues Aussehen.
Wie König Protz verließ ich den Automaten, um schon an
der nächsten Ecke von einer Prostituierten lachend angesprochen
zu werden.
"He, Junge, zieh dir doch mal den Hut etwas gerade."
Hut? Welcher Hut? Blöde Kuh!
Noch in der gleichen Nacht wusste ich dann Bescheid was es mit dem
Hut auf sich hatte.
Ich habe ihn zwar nie wieder aufgesetzt, aber er war ein monatelanger
Begleiter auf meinen späteren Schiffen, bis der Bootsmann der
MS ZOSMA den "alten Filzlappen" kurz vor der kanadischen
Küste über Bord warf. So ein gigantisches Arschloch, obwohl
er der beste Bootsmann war, den ich je hatte.
Meine Lieblings Lokalität auf der Reeperbahn, präziser
formuliert auf der Großen Freiheit, war der Star Club und
das Grünspan, das auch heute noch auf seinem alten Platz existiert.
Zurzeit im Jahre 2006 ein Technotempel in türkischer Hand.
(Anmerk. GRÜNSPAN
Nutzung: Konzerte, Partys, Veranstaltungen, Kino, Lesungen, Film
und Videodreh etc.
Adresse: Grosse Freiheit 58, 22767 Hamburg
Kapazität: 800 (bei Konzerten), ca. 1200 (bei Partys im Durchlauf)
Der Grünspan existiert seit bald 40 Jahren an gleicher Stelle
mit gleichem Betreiber. Das ehemalige Lichtspielhaus ist damit Deutschlands,
vermutlich sogar Europas, älteste Discothek.
+++++ +++ +++++
Irgendwann hing da im Schaukasten des Star Clubs ein Plakat mit
der Aufschrift JIMI HENDRIX EXPERIENCE. 3 Tage auch noch. Und die
Typen auf dem Foto sahen auch nicht gerade so aus, als könnte
man ihnen vertrauen. So verwahrlost. So schmutzig. So böse.
Alles Dinge, die mich normaler Weise anzogen wie das Licht die Motten.
Aber plötzlich war alles anders. Es handelt sich hier um drei
Tage im März des Jahres 1967. Es war der 17. Der 18. Und der
19. März 1967. Und... ich war soooooo nah dran.
Vielleicht lag es auch daran, dass die Gruppen, die ich bisher gesehen
hatte ganz nette und saubere Boys gewesen waren. Tony Sheridan.
Gerry & The Pacemakers. Rattles. Walker Brothers etc. So verbrachte
ich dann die nächsten Tage lieber im Grünspan oder im
Goldenen Handschuh, einem geilen Laden auf der Mitte der Reeperbahn,
den es auch meines Wissens heute noch gibt. Sein Publikum bestand
immer aus interessanten Leuten. Vom Penner, über den Seemann,
den Loddel, die Huren. Vom Boxer über seine Fans bis zum Akademiker.
Hier war alles vertreten.
Ein paar Tage später musste ich dann wieder auf das Seemannsamt,
um mich zu melden und nach einem Kahn zu fragen. Heute ist in dem
Gebäude auf einem Hügel gegenüber den Landungsbrücken
ein Hotel untergebracht. An diesem Morgen saß auch ein Typ
mit einem plärrenden Kofferradio im Warteraum des Amtes. Und
aus jenem Gerät flogen Klänge und Laute in meinen Kopf.
Explodierten dort. Schrillten durch die Windungen meiner Nervenbahnen.
Trafen mein Inneres und wummernde Glocken erweckten mein Bewusstsein.
"Wer ist das", fragte ich den Typ, der allein in einer
Ecke saß, weil die anderen den Lärm verfluchten.
Er sagte nur drei Worte:
"Jimi Hendrix Experience".
Ich musste ihn ziemlich blöde angeschaut haben, denn er fügte
noch etwas ganz Besonderes hinzu, das mich erstarren ließ:
"...das ist der Typ, der vor kurzem drei Tage mit seinen beiden
Jungs im Star Club gespielt hat."
RUMMS!!!
Als ich Hendrix dann öfters hörte, aber NIE mehr live
sah außer im Kino, später auf Video und DVD, verstand
ich meinen bisherigen musikalischen Horizont nicht mehr. Es war
mir unerklärlich, dass man derartig viel mit einem Instrument
ausdrücken konnte wie er es mit seiner Gitarre getan hatte.
Er entfachte ein derartiges Inferno, dass man sich teilweise wirklich
in andere Galaxien, den Vietnamkrieg oder zum Zauberer von Oz versetzt
sah.
Klängen aus unbekannten Welten, Reisen durch den Voodoo Dschungel
Afrikas, Flüge durch das Weltall und durch unbekannte metaphysische
Sphären. Maschinengewehrsalven, fallende und explodierende
Bomben, schreiende und wehklagende Menschen. Aber auch Liebe, Gefühle
und orgastische Kaleidoskope verließen als Akkorde die Lautsprecher
bei seinen Konzerten.
Er war und ist für mich - neben Jim Morrison von den DOORS,
Jimi Page und Robert Plant von LED ZEPPELIN Frank Zappa und Bob
Marley - eine der schillernden Figuren der Rockmusik. Vielleicht
gibt es bessere Gitarristen, vielleicht gibt es auch bessere Musiker
und Sänger, aber Jimi war der Inbegriff der sechs Saiten, ein
Siegfried und Roy oder auch ein David Copperfield der Gitarrenakkorde.
Ich begriff nicht, und habe es auch jahrelang bis aufs Blut verleugnet,
dass ich ein Fan eines gewissen Freddy Quinn gewesen bin.
UNERKLÄRLICH!
Jimi Hendrix starb am 18. September 1970 in London. Sein Tod wurde
nie ganz aufgeklärt.
+++++ +++ +++++
Mein erster Kahn - die MS LAS PALMAS - brachte mich über Antwerpen,
wo ich mir erst mal eine ganze Nacht und mit Vorschuss versehen,
in einem kleinen Puff die Seele aus dem Leib vögelte. Es war
eine zierliche Chinesin, die das Ficken mit erfunden haben musste.
Nach Antwerpen war ich mit dem Zug von Hamburg Altona angereist,
denn der Kahn schaukelte dort im Hafenbecken, um zur Weiterreise
nach Marokko beladen zu werden. Mein erstes Schiff! Und es war bitter
kalt im Februar 1968. Ca. 3 Grad! Es lag Schnee und ich fror mir
den Arsch ab. Es ging dann weiter nach Le Havre und über Gibraltar
(ca. 20 Grad) und Algerien (ca. 25 Grad, schon etwas gebräunt)
nach Casablanca (ca. 30 Grad, braun) und Tanger in Marokko; das
damals geilste Land meines bisherigen Lebens! Das lag aber effektiv
nur daran, dass ich noch nie so weit von zu Hause weg war.
Der Orient zog mich schon bei der ersten Fahrt in seinen Bann.
Diese geheimnisvolle und duftende Gegend mit ihren Gewürzen,
Kunsthandwerkern, mit ihren verwinkelten Gässchen, Basaren
und Moscheen. Mit ihren Minaretten. Ihren fremden Menschen, wo auch
die Männer Kleider trugen und man den Frauen nicht in die Augen
oder auf ihre Titten und Ärsche schauen konnte, weil alles
verhüllt war. Aber Marokko war so tierisch geil. Vor allem
die Puffs und Striplokale. So vermummt und verhüllt sich die
Damenwelt in der Öffentlichkeit auch zeigte, so freizügiger
und unkeusch trieben sie es in den genannten Etablissements. Und
sie waren wahre Künstler beim Ficken in der Reiterstellung.
Keine Ahnung, ob das mit dem Bauchtanz zusammenhing, aber sie alle
hatten ein Gefühl im Unterleib, das einem mehrmals fast der
Schwanz in Atome aufgelöst wurde.
Aus diesem Grund verließ ich auch das Schiff in der verwinkelten
Hafenstadt gegenüber von Gibraltar. Tanger. Zwei Monate dauerte
mein Aufenthalt in dieser unsagbaren schönen Stadt.
In einer Teestube lernte ich den stellvertretenden Polizeichef der
Stadt kennen und wohnte fast die ganze Zeit bei ihm und seiner Frau.
Die beiden waren absolut cool. Durch ihn - seinen Namen habe ich
zwischenzeitlich längst vergessen - machte ich auch meine erste
Bekanntschaft mit dem Naturprodukt, welches mich eine lange Zeit
meines Lebens begleiten sollte: Haschisch. Die Einheimischen nannten
und nennen es liebevoll Kif.
Ich fühlte mich sau wohl bei meiner "Gastfamilie".
Vor allem bei seiner Gattin, einer wunderschönen und erhabenen
Frau, die innerhalb des Hauses nie verschleiert umher lief hatte
ich einen Stein im Brett. Nicht, das wir es miteinander getrieben
hätten oder ich sie mal unsittlich angemacht oder sogar noch
berührt hätte, was mich bestimmt das Leben gekostet hätte
weil die Sitten und Gebräuche in dieser dominanten mohammedanischen
Männerwelt so ausgelegt waren und teilweise auch heute noch
existieren. Nein. Der Grund war einfach ein Rest meiner elterlichen
Erziehung. Es war für einen Mann ein Unding, dass er die Sachen
für den täglichen Haushalt selbst kaufte oder selbst besorgte.
Das war alleinige Frauen Angelegenheit.
Nun ging ich halt des Öfteren mit der Dame des Hauses einkaufen
und wie man eben so ist, trägt man dann als Kavalier der alten
Schule der Weiblichkeit auch die gefüllte und manchmal sehr
schwere Einkaufstasche nach Hause. Dabei hatte ich mich immer gewundert,
dass es immer fröhlich zwischen den Frauen zuging, wenn sie
ihre Freundinnen oder Bekannten im Ort traf, wenn ich mit von der
Partie war und mich an der Tasche abschleppte. Es war ein Geschnatter
wie auf dem sprichwörtlich türkischem Basar. Nur war es
nicht die Türkei, sondern Tanger in Marokko.
Irgendwann musste sie auch ihrem Gatten, dem zweiten Oberbullen
davon berichtet haben, denn er schaute mich mit lachenden Augen
an und teilte mir dann in unserem Kauderwelsch aus etwas Englisch
und viel mit den Händen wedelnd mit, dass das im Orient absolut
unter der Würde eines Mannes sei. Mir war es egal, denn sie
kochte, briet und backte für mich die leckersten Gerichte,
die ich bis dahin gekannt hatte. Mein Lieblingsessen war Cous Cous
und ein auf heißen Steinen gegrillter Seefisch. Da läuft
mir heute noch das Wasser im Maul zusammen, wenn ich daran denke.
Es blieb nicht aus, dass sich auch in Tanger die eigenartigsten
Gestalten aus der westlichen Welt tummelten. Sesshaft gewordene
Seeleute, die einen Laden oder eine Pension ihr Eigen nannten. Leute,
die aus den unterschiedlichsten Gründen untertauchen mussten.
Und man traf auf die ersten Hippies, Gammler und Beatniks, die erfahren
hatten, dass es hier in diesem Land ein Produkt gab, welches die
Sinne und das Bewusstsein veränderte. Der vorhin schon beschriebene
Kif.
Ich zog mir das Zeug fast zu jeder Tages- oder Nachtzeit rein.
Auch beim stellvertretenden Polizeichef glühte die Wasserpfeife
fast jeden Abend und es war immer ein schöner Batzen im Haus.
Wie schon erwähnt blieb ich fast zwei Monate in Tanger, bis
ich mit einem anderen Schiff derselben Reederei nach Hamburg zurückkehrte.
Es war eben nicht immer einfach, als Illegaler in einem fremden
Land zu sein. Außerdem wollte ich nicht, dass die Gastfamilie
wegen mir in Schwierigkeiten kam.
Der Kapitän dieses Frachters verpasste mir eine derartige Zigarre,
dass ich die ganze Rückreise davon zehrte. Ich hatte der Reederei
einen Haufen Scherereien verursacht, weil ich "achtern raus"
bin (d.h. abgehauen und verschollen geblieben. Anm. des Autors),
und der Kahn drei Tage länger in Tanger liegen bleiben musste.
Was ich bis heute noch nicht verstehe ist, dass mich mein Gastgeber
nie verpfiff, denn ich hatte es ihm mit meinem englischen Kauderwelsch
verständlich gemacht.
Wir haben uns nie wieder gesehen...
Wieder in Hamburg angekommen, gab es erst mal paar Tage ab hotten
auf der Reeperbahn. Danach meldete ich mich auf dem Seemannsamt
(wo es gleich wieder 'nen Anpfiff gab, wegen der Geschichte in Tanger
- woher die das nur wieder wussten???) und erhielt ein "Engagement"
auf einem Frachter, der Kanada und die USA anlief...
Auf der MS Zosma fühlte ich mich eigentlich sau wohl. Erstens
waren wir körperlich tätige Mannschaft eine absolut geile
Truppe. Zweitens waren wir ein ganz schön verschworener Haufen
so nach dem Motto: 13 Mann und 'ne Buddel voll Rum. Sogar die Offiziere
und höheren Dienstgrade, welche ja meistens immer so 'ne Wichser-Elite
für sich waren und mit denen man nur in den seltensten Fällen
engeren Kontakt bekam, waren auf diesem Kahn total ein Team mit
der gesamten Mannschaft.
Den besten Kontakt hatte ich zum Bordelektriker, der ein ähnlicher
Hund war wie ich. Total verrückt und ewig geil. Da hatten sich
die beiden Richtigen gefunden; was aber nicht bedeuten soll, dass
wir uns zusammen die Rosette versilberten.
Einmal hatten wir uns in Chicago bei einem Landgang zwei junge
Hühner aufgerissen, die wir unter dem Vorwand, ihnen mal das
Schiff zu zeigen, an Bord geluchst hatten. Selbstverständlich
hielten wir uns an das Versprechen mit der Bootsbesichtigung, aber
dass die Präsentation unserer Kabinen so lange dauern sollte,
damit hatte keiner von uns gerechnet. Die zwei Amerikanerinnen hatten
auch etwas Gras dabei und wir teilten Zigaretten und Whisky mit
ihnen. Aus meinem Plattenspieler ertönte die geilste Musik
aus der damaligen Zeit und wir waren so richtig schön breit.
Nach anfänglichem Zögern waren die Girls endlich auch
so richtig aufgeheizt, feucht im Slip und zu allen Schandtaten bereit.
Wir vergnügten uns mit einem tierischen Fick der die ganze
Nacht andauerte.
Irgendwann wurden wir vom Bootsmann geweckt, der sich grinsend vor
meiner Koje aufgebaut hatte. "Irgendwas stimmt hier nicht",
war mein erster Gedanke.
Und da sollte ich mich auch nicht getäuscht haben.
Nachdem wir uns etwas angezogen hatten, das Girl aus Chicago überhaupt
nichts mitbekam, da sie kein einziges deutsches Wort verstand, begaben
wir uns in die Mannschaftsraum über uns. Hier wurden wir von
einer johlenden und gierig aus den Augen blickenden Truppe mit brausendem
Applaus empfangen. An der Stirnseite des großen Esstisches
thronte der Alte. An seiner Seite mein Freund Elektrik mit seinem
Betthäschen. Der Alte, dem der obligatorische kalte Zigarrenstummel
zwischen den Lippen hing, schlug mit der flachen Hand scheppernd
auf den Tisch und stellte die wichtige Frage
"Freudenberger, was sollen die Weiber an Bord?"
"Blöde Frage!", stellte ich sofort gedanklich fest,
aber real kam nur ein dummes Gequassel über meine Lippen.
Nun gut... Folgendes war passiert:
Der Kapitän hatte Bescheid bekommen, dass der Kahn ein paar
Stunden früher nach Milwaukee auslaufen sollte. Dies war dann
auch geschehen. Alle hatten es auch mitbekommen, nur nicht wir.
Und Bescheid gesagt oder geweckt hatte uns auch keiner. Ende der
Fahnenstange war, dass die beiden Girls mit hochroten Köpfen
in Milwaukee von Bord gingen und der Elektriker und meine Wenigkeit
ihnen die Heimreise per Flugzeug finanzieren durften. Für dieses
Geld hätten wir uns zu zweit eine Woche in einem Edelbordell
aufhalten können. Der amerikanische Dollar stand damals bei
1:4 und der kanadische Dollar sogar auf enormem Kurs von 1:4,25.
+++++ +++ +++++
Amerika für einen 19 jährigen war schon eine Welt für
sich.
Allein die fast zwei Wochen dauernde Fahrt über den Atlantik
war eine Faszination zwischen Abenteuerlust und Ehrerbietung gegenüber
den Naturgewalten. Mitten durch Eisberge, die weit vor der kanadischen
Küste trieben, den St. Lorenzstrom hoch, durch gigantische
Staustufen und eine tierisch geile Natur ging es über Halifax,
Quebec, Montreal, Toronto, Milwaukee nach Chicago.
Wow; nur waren zu dieser Zeit diese wahnsinnigen Rassenunruhen in
der USA, und es ging da teilweise ganz schön die Post ab.
Was mich bei der Seefahrt aber am allermeisten faszinierte, war
diese absolute Kameradschaft unter der Mannschaft und dieses blinde,
gegenseitige Vertrauen.
Und dann immer wieder diese unvergesslichen Augenblicke auf dem
Meer, wenn unzählige Delphinschwärme im Abendrot das Schiff
begleiteten. Wenn Windstärken bis über zehn und mehr den
Kahn schlingern ließen und die Gischt über das Deck trieb.
Es war gigantisch und wird mir auch ewig in Erinnerung bleiben...
Auf der MS ZOSMA blieb ich über ein halbes Jahr und hatte
mit ihr in dieser Zeit vier Fahrten nach Chicago.
Die Beendigung meiner nautischen Laufbahn war dann ein schwerer
Arbeitsunfall, der mich in Århus/Dänemark ereilte. Ich
fuhr als Decksmann auf einem kleinen Kümo (Küstenmotorschiff),
der die ungefähre Größe eines Rheinschiffes besaß.
Der Kapitän war gleichzeitig der Reeder und lebte auch die
überwiegende Zeit mit seiner Frau - einer sagenhaften Köchin!!!
- und einer seiner drei Töchter auf dem Kümo. Die Tochter
wurde allgemein nur Lilie genannt, denn Vater und Mutter waren beide
große Verehrer von Marlene Dietrich.
Erich, der Kapitän war ein dufter und besonnener Mittfünfziger
und hatte das Herz in allen Belangen auf dem rechten Fleck. Mit
ihm habe ich auch ein paar heiße Eisen in den einschlägigen
Bars und Hafenkaschemmen an Dänemarks Küste geschmiedet.
Aber ein besonderes Auge hatte ich schon vom ersten Tag an auf seine
neunzehnjährige Tochter Lilly geworfen. Feuerrote Haare, die
ewig zu einem Zopf geflochten waren und ihr fast auf den apfelförmigen
Hintern fielen. Sie war schlank und hatte ein Schandmaul, dass es
einem manchmal die Sprache verschlug. Ich glaube es gab keinen Seemannsfluch,
den sie nicht auch gekannt hatte. Wir verstanden uns beide vom ersten
Tag an. Sie mochte meine Art, meine inzwischen schon etwas längeren
Haare und meine Liebe zur "Urwaldmusik" wie sich Erich
immer auszudrücken pflegte. Aber da war er in Deutschland zur
damaligen Zeit nicht die Ausnahme. Denn wer konnte schon etwas mit
kreischenden Gitarren, wummernden Beats und Musikern anfangen, die
aussahen, als seien sie gerade aus dem Magen eines Wales gekrochen.
Ja ja, Captain Arhab lässt grüßen!
Jedoch zurück zu Seefahrer Erich und seiner jüngsten
Tochter Lilly. Da gab es nun leider ein tierisches Problem; und
dieses Problem nannte sich Erich. Mit der selben Intensität
wie ich ein Auge aus individuellen und lüsternen Gründen
auf sie geworfen hatte, dabei mehr an meinen "Klabautermann"
in meiner Hose, als an mein Herz denkend, hatte Erich der Korsar
einen Schutzbann um sie gezogen, um sie vor solch' geilen "Galgenvögeln"
wie mich fernzuhalten.
Aber irgendwann war der Zauber des Schutzes vorbei, denn Erichs
Holde, die wunderbare Köchin, musste zum Arzt, weil sie sich
beim Kochen - oder was weiß ich heute noch?! - den Arm verbrüht
hatte.
Das war die Chance meines Lebens...
Nachdem "Klabautermann" und sein Herr und die rote Lilly
alle drei so richtig zufrieden mit sich, dem Seemannsleben und dem
Himmel über Århus in Dänemark waren, ging es dann
ans Entladen des Schiffes. Wir hatten Getreide geladen und der wurde
nun gelöscht. Dazu benutzte man ein Gerät, das nicht nur
wie ein überdimensionaler Staubsauger aussah, sondern auch
die gleiche Funktion hatte.
Er wurde von der Kaimauer in das geladene Getreide gelassen und
saugte dieses selbst in die dafür vorgesehen Silos. Dazu musste
ich dann immer das saugende Ende hin- und her bewegen, um den Getreideberg
abzutragen. Etwas Ähnliches hatte noch kurze Zeit zuvor Lilly
mit meinem Rohr angestellt. Als dann der der "Getreidesauger"
in die Höhe gezogen wurde, um in einen anderen Laderaum des
Schiffes gelassen zu werden, passierte das Unglück.
Das Kopfende des Saugrohres verkantete sich an einem der Stahlträger,
der die Luke überbrückte, riss diese ein Stück mit
in die Höhe, um sich dann von ihr zu lösen. Das Ende der
Geschichte war dies: schwere Teile, wie dieser ca. drei Zentner
schwere Träger, fielen natürlich - angezogen durch die
Schwerkraft der Erde - auf die selbige zurück. Er entwickelte
dabei ein solch rasantes Tempo, das ich selbigen geistig, reflexmäßig
und selbstverständlich auch nicht in der Schnelligkeit gewachsen
war.
Der Stahlträger traf mich genau mit der Kante auf dem Schädel
und riss selbigen ca. 10 cm auf. Durch sein Eigengewicht und mein
gleichzeitiges Hinfallen ließ er aber von mir ab, und bohrte
sich dadurch nicht in den Kopf, sondern schrammte darüber hinweg.
Ich schrie und blutete wie eine abgestochene Sau... ...und dunkel
wurde es.
Ich erwachte im Krankenhaus von Århus, wo man mich hingebracht
hatte. Diagnose: Schädelbruch, schwerste Gehirnerschütterung
und wahnsinnigen Blutverlust. Nach fast sechs Wochen Klinikaufenthalt
wurde ich wieder entlassen, nachdem ich mich zu sehr an ein paar
süße Schwestern gewöhnt hatte. . .
Noch heute ist diese Story als bucklige Narbe auf meinem Schädel
nachzulesen.
Nach einem tierischen Abschied von St. Pauli, meinen geliebten
Huren, die mehr Anstand und Taktgefühl in ihrem Herzen haben
als manche eingebildete Zimtziege, nach mehreren Besuchen in meinen
Lieblings Attraktionen dem Star Club und dem Grünspan auf der
Großen Freiheit und dem Goldenen Handschuh (einer Zuhälter-
und Boxer Kneipe) auf der Reeperbahn direkt, hatte ich von der Seefahrt
endgültig die Schnauze voll und fuhr mit dem Zug zurück
nach Saarbrücken.
Es war Herbst 1969.
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